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Große Wohnungsnot nach dem Krieg

1945-1950

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Bis weit in die 50er Jahre hinein herrschte große Wohnungsnot in Stuttgart. Menschen hausten - wie auf diesem Bild - in Behelfsbarracken. Rein statistisch mussten 1946 zwei Menschen in einem Zimmer leben.

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Nach dem Krieg leben in Stuttgart Tausende in Elendsquartieren oder Bunkern. Die Nahrungsmittel­versorgung ist unzureichend und die Wohnverhältnisse sind denkbar schlecht.

Ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung vom 26.1.1946 bes­chreibt die Wohnungsnot.

Von zehn Stuttgartern sind augenblicklich mindestens fünf auf Wohnungssuche. Wer die Sorgen seiner Bekannten nur ein klein wenig näher kennt, der wird dies ohne weiteres bestätigt finden. Wir haben uns deshalb mit dem Leiter des Städtischen Wohnungsamtes, Herrn Geiger, über dieses Problem und seine bisherigen Erfahrungen unterhalten, damit zunächst einmal die sachliche Grundlage für die vielen Diskussionen, die darüber geführt werden, geschaffen wird.

In Stuttgart gibt es gegenwärtig rund 185 000 bewohnbare Räume. Darin leben etwa 372 000 Menschen. Theoretisch betrachtet müssten sich also immer zwei Stuttgarter ein Zimmer teilen. Mehrzimmerwoh­nungen, in denen nur eine Familie haust, wären demnach undenkbar. Schon diese einfache Überlegung gibt uns ein ungefähres Bild von der Wohnungsnot in unserer Stadt. Noch deutlicher wird dieses Bild, wenn man die gegenwärtigen Einwohner- und Wohnraumzahlen von heute mit denen vom April letzten Jahres (1945) vergleicht. Damals standen für 230 000 Einwohner 180 000 Wohnräume zur Verfügung. Die Einwohnerzahl hat sich inzwischen um 140 000 erhöht, die Zahl der vorhandenen Wohnräume dagegen nur um 5000. Selbst wenn man voraussetzt, dass in den 5000 inzwischen wieder instandgesetzten Wohnräumen 10 000 Menschen untergebracht werden konnten, so bleibt doch immerhin noch ein beachtlicher Rest von 130 000 Menschen, die nur in schon belegten Wohnungen untergekommen sein können. Die Stuttgarter sind also schon ganz erheblich zusammengerückt.

In nur einem Jahr ziehen 140 000 Menschen nach Stuttgart

Nun werden natürlich sofort viele Menschen, besonders die Wohnungssuchenden unter ihnen, protestieren und fragen, ja warum hat man denn 140 000 Menschen nach Stuttgart zurückkommen lassen, wenn nur für 10 000 Wohnraum da war? Wofür hat Stuttgart seinerzeit ein Zuzugsverbot erlassen? Solche Vorwürfe richten sich in erster Linie gegen die Familien, die sich während des Krieges auf dem Lande in Sicherheit gebracht hatten, während die anderen, die als Untermieter in deren Wohnungen saßen, alle Angriffe samt allen Nachteilen einer Großstadt im Kriege durchmachen mussten. Trotzdem muss man natürlich auch die anderen Ansichten gelten lassen, nach der viele Familien damals nur notgedrungen die Stadt verlassen haben und es heute schon als Anmaßung empfinden, wenn sie zu ihrer Rückkehr nach Stuttgart eine Zuzugsgenehmigung bedürfen.

Aber noch andere, viel wichtigere Gründe sprachen für eine nicht allzu strenge Handhabung des Zuzugsverbotes. Die württembergischen Gemeinden müssen bekanntlich die Flüchtlinge aus Ungarn und der Tschechoslowakei aufnehmen. Sie können dies nur, wenn sie ihre bisherigen Gäste losgeworden sind. Wer also in Stuttgart eine Wohnungsmöglichkeit nachweisen kann, dem kann der Zugang auch nicht ohne weiteres versagt werden. Das Wohnungsamt sieht sich unter solchen Verhältnissen vor heiklen Aufgaben. Es kann keine neue Wohnung herbeizaubern. Ganz gleich, was es auch anordnet, es muss immer in die persönlichsten Bereiche der einzelnen Einwohner eingreifen.

Viele Menschen leben mit Fremden in einer Wohnung

Meistens erheben die Zurückkommenden natürlich Anspruch auf ihre frühere Wohnung. Oder sie weisen ein behelfsmäßiges Unterkommen bei Bekannten nach. Dort sitzen aber bereits Mieter und oft sogar wieder Untermieter. Nicht selten werden zunächst – um der Zuzugsgenehmigung willen – alle auftauchenden Bedenken zuzüglich des Zusammenlebens unterschätzt. Nachher stellt sich dann leider heraus, dass es auf die Dauer doch nicht so geht. Wenn der Hauptmieter bei seiner Rückkehr dem Wohnungsamt gegenüber auch erklärt hat, dass er mit seinem Untermieter auskommen wolle, so findet er häufig schon nach wenigen Wochen tausenderlei Gründe für das Gegenteil. Eines Tages steht der Untermieter dann doch wieder irgendwo auf einer Außenstelle des Wohnungsamtes: Einer von den 8000 in jeder Woche! Die im Gemeindebeirat schon angeregte Ausdehnung des Mieterschutzge­setzes auf Fliegergeschädigte könnte hier zweifellos eine Milderung herbeiführen.

Bei allen Fällen muss vorher bedacht werden, dass es sinnlos wäre, Wohnungen freizugeben, wenn dadurch nur andere Menschen auf die Straße gesetzt werden. In Wirklichkeit verhält es sich ja auch nicht so, dass man einfach generell in jedes Zimmer zwei Menschen stecken könnte. Aber wenn in einer Wohnung mit zwei Zimmern nur zwei Menschen leben, so müssen doch dafür in einem anderen Fall gleich vier Menschen in einem Zimmer hausen. Das Wohnungsamt muss hier auszugleichen suchen.

Dabei stößt es auf viele „wenn“ und „aber“, die persönlichen Wünsche der Hausbesitzer, die Bevorzugung von Bekannten und Verwandten, alles Umstände, über die sich der einzelne Wohnungssuchende mit Recht ärgert, die aber vom Wohnungsamt aus nicht dirigiert werden können. Wie schon erwähnt, ist der Wohnungsnachweis die wichtigste Voraussetzung. Das führt natürlich dazu, dass auch die durch Instandsetzung gewonnenen Wohnungen schon lange vor Fertigstellung vergeben sind. Und dabei ist zweifellos der im Vorteil, der bei der Instandsetzung mithelfen kann. Für alle ist es unbedingt notwendig, dass sie sich mit dem bisherigen Mieter und möglichst auch dem Hausbesitzer in Verbindung setzen und deren Einverständnis einholen.


Der Bunker als Zuhause

Eine Küche für 50 Familien – das war die Realität für Wohnungs-und Heimatlose und Kriegsheimkehrer. Was blieb, war die Obdachlosigkeit. Oder mit etwas Glück ein Platz in einem der Bunker. Mehrere Heime und Unterkünfte wurden nach dem Krieg im Untergrund geschaffen. Die StZ berichtete am 29. Juni 1946 unter dem Titel „So hausen sie – und sind zufrieden.“ vom provisorischen Leben unter der Erde.

Können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, nach Hause zu müssen? Wissen Sie, was es bedeutet, 68 Stufen in die Erde hinunterzusteigen, bei jedem Schritt das Würgen im Hals wachsen zu fühlen, den Ekel zu spüren vor dem Gemisch von Dünsten, das aus jedem Türspalt dringt? Können Sie sich einen Raum vorstellen von sechs Quadratmetern mit zwei übereinander angebrachten Betten, drei Stühlen und einem schmalen Tisch, der seit Monaten die einzige Bleibe von drei Menschen ist? Können Sie ermessen, was es heißt, tagelang hier unter der Erde und oft im Dunkeln zu verbringen – nur weil eine starke Sicherung fehlt, die für den gleichzeitigen Anschluss von vier solcher Zellen an Licht und Kochstrom ausreicht? Willkommen im Bunker.

In einer Gastwirtschaft beim Hasenberg und in der Neckartalstraße wurden Aufbauheime für aus der Gefangenschaft Heimkehrende, die zunächst im Baugewerbe tätig sind, eingerichtet. Aus dem Hochbunker in der Sickstraße in Gaisburg entstand ein Männerwohnheim, das die evangelische Gesellschaft betreut. Der Caritas-Verband hat gemeinsam mit dem Wohlfahrtsamt die in dem städtischen Besitz befindlichen Bunker im Süden der Stadt in Heimstätten umgewandelt. Im Eiernest entstand ein Frauenheim, Männer kommen im Bunker Schreiberstraße 44 unter. Der Bunker am Marienplatz wurde für Durchreisende, also für solche, die nur wenige Tage eine Schlafstelle benötigen, eingerichtet. Etwa fünfzig Familien leben zur Zeit im Bunker Böheimstraße 64. Ein Plan zur Errichtung weiterer Heime liegt vor.

Fünf Menschen auf sieben Quadratmetern

Es ist schwer vorwärts zu kommen. Weiße und braune, kleine und kleinste nackte Kinderfüße trippeln umher, huschen über den kalten Boden. Die schmalen Bunkergänge sind zum Versteck-und Fangspielen wie geschaffen und die vielen kleinen Bewohner des Bunkers nützen die Gelegenheit aus. Voll Stolz zeigen zwei zehn-und zwölfjährige Brüder ihre „Wohnung“, eine etwa zweieinhalb auf drei Meter große Kabine, in der die fünfköpfige Familie seit einigen Wochen lebt. Je zwei feldbettartige Gestelle übereinander, eine Bank und ein größerer Hocker, den Tisch ersetzend, sind die einzigen Möbelstücke.

Die Garderobe der ganzen Familie hängt an drei Haken an der Wand. Dass die ältere Tochter sich zur Zeit nicht wohl fühlt und das Bett hüten muss, hat auch eine gute Seite: sie nimmt dadurch keinen Platz weg. Ob die ganze Familie gleichzeitig hier zusammen sein könne? Doch, das ginge prima, erklären die Jungen. Die Mutter lächelt. Sie ist froh, endlich wieder in Stuttgart untergekommen zu sein. In verschiedenen Orten ist die Familie, meist getrennt, untergebracht gewesen, nachdem sie vor zwei Jahren in Stuttgart ausgebombt worden waren. Nun sind sie wieder in Stuttgart beieinander. Eine kleine Chance besteht sogar, irgendwann eine richtige Wohnung zu bekommen.

Eine Küche für 50 Familien

Nebenan ist eine Flüchtlingsfamilie mit vier Kindern eingezogen. Zwei Kabinen stehen zur Verfügung; auch sie atmen auf: nach wochenlanger Suche eine feste Bleibe! In einem Vorraum, der als Waschküche dient, steht ein kleiner Herd, der benützt werden kann – wenn Holz da ist. Ein größerer Raum, mit Holzbänken und Tischen versehen, ist gemeinsamer Aufenthalts-, Essraum und Küche zugleich. Eine Küche für fünfzig Familien! Eine Mutter wärmt auf dem einzigen elektrischen Kocher die Milch für ihre Kleinen. Frauen stehen wartend herum. Sie schweigen und lächeln auf die Frage, ob es möglich sei, eine Einigung über die Reihenfolge zu erzielen. Sind sie zu müde, um sich zu streiten, oder zu dankbar, nach monatelangem Hausen in Gemeinschaftslagern endlich wieder ihr eigenes Leben führen zu können? Sie schweigen. Und nehmen sich kaum Zeit, im Duschraum die Spuren ihrer Arbeit abzuwaschen.

Schreibend sitzen die Bewohner in dem langen dunklen Gemeinschaftsraum. Briefe an alle möglichen Stellen gehen ab, um eine Spur der verloren gegangenen Angehörigen zu finden. Viele Heiminsassen sind schon wieder weitergezogen, nachdem es ihnen auf diese Weise gelungen war, die Vermissten zu finden. Ob es ihnen im Bunker denn gar nicht gefällt? Doch, meint einer, man sei froh, endlich wieder ein Dach über dem Kopf zu haben. Andere deuten wortlos auf die riesigen feuchten Flecken an der Wand: der Regen schlägt durch. Das Heim befindet sich noch im Aufbau. Die Bewohner – die meisten kamen aus der Kriegsgefangen­schaft – haben sich gemeinsam mit frischem Mut darangemacht, die Kriegsschäden zu beseitigen, das Dach in Ordnung zu bringen, den Speiseraum herzurichten und den ungemütlichen Saal in kleinere Schlafräume abzuteilen. Aber das Material ging aus. So sitzen sie missmutig in den halbfertigen Räumen und warten.

Die Männer finden ihr Hotel sehr in Ordnung

Die Bewohner des Männerbunkers dagegen sind guter Dinge. Es sind fast durchweg entlassene Soldaten jeden Alters aus allen Gegenden Deutschlands, die hier im Garten sitzend oder liegend den Feierabend verbringen. Und sie finden ihr „Hotel“ sehr in Ordnung. Manch einer ist dabei, dessen Zimmer feudal wirkt: Eine Kabine mit Tisch, Stuhl und einem Bett. Einer der Kriegsversehrten hat außerdem einen bequemen Lehnstuhl im Zimmerchen und im Gang hat jeder einen eigenen Spind. Leuchtende Rosen, Lektüre und hübsche Aschenbecher stehen auf den Tischen der gemütlichen Sitznischen, die sich in jedem Stock befinden. Was ihr Haus überhaupt von einem Hotel unterscheide? Eigentlich fehlen nur die Fenster, sagen die Männer. Aber daran gewöhne man sich.

Zwei alleinstehende Lehrerinnen, die eine Kabine teilen müssen, sollten doch eigentlich miteinander auskommen. In diesem Fall steht dem nur das Bett, das sich anstatt auf dem Erdboden über dem anderen befindet, im Weg. Beide haben schon manches Jahrzehnt auf dem Rücken und beiden fällt es schwer, nach dem Vielerlei des Tages noch den Humor aufzubringen, diese technische Schwierigkeit freiwillig auf sich zu nehmen, denn Leitern gibt es natürlich keine. Nicht einmal Stühle sind für jeden Raum da. Wenn man wenigstens einen Schrank hätte! Manche haben den Versuch, Ordnung in die winzige Behausung zu bringen, bereits aufgegeben.

Ein elektrischer Kocher bedeutet Reichtum

Eine junge Kontoristin jedoch, die das Glück hat, ihre Kabine alleine bewohnen zu dürfen, hat die Kammer in ein Schmuckkästchen verwandelt. Ein buntes Kissen liegt auf der feldgrauen Bettdecke. Bildchen schmücken die weiße Wand. Dazu verfügt die Besitzerin über einen elektrischen Kocher, was hier einen unerhörten Reichtum darstellt. Und doch ist sie das Sorgenkind der Heimleiterin: sie arbeitet nicht. Von früh bis spät liegt sie im Garten in der Sonne. Für solche Gäste ist auf Dauer kein Platz hier.


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