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Der schöne Westen

1900

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Haus der Geschichte, Sammlung Metz
Die Stuttgarter Rotebühlstraße um 1900 – im Bildvordergrund kreuzt die Silberburgstraße

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Die Architekten Eckhard und Christine Ernst werben mit historischen Aufnahmen von Stuttgart-West für eine Verbesserung des öffentlichen Raums in Stuttgart.

Von Amber Sayah

Stuttgart – Stuttgart, Rotebühlstraße, um das Jahr 1900. Auf der kopfstein­gepflasterten Straße zuckelt eine Straßenbahn stadtauswärts. An den Straßenrändern Pferdefuhrwerke, die etwas abladen, auf den breiten Gehwegen reger Betrieb – Kinder, Frauen, zu zweit oder in Grüppchen zusammenstehende Männer in Anzug und Hut oder mit Kreissäge, Hunde. Und zu beiden Seiten der Straße drei- bis fünfgeschossige Häuser mit Läden in den Erdgeschosszonen und plastisch gegliederten Fassaden im Gründerzeitstil, dazwischen üppige Baum­kronen, die den Feuersee säumen. Keine Autos.

Ein Sehnsuchtsbild, zweifellos. So schön hat die Stadt mal ausgesehen. Aber Nostalgie war nicht der Grund, warum Eckhard und Christine Ernst unter tüchtiger Mithilfe ihres Sohnes Clemens in Archiven und Sammlungen nach historischen Aufnahmen des Stuttgarter Westens gefahndet und, in Kooperation mit dem Stadtarchiv, eine Auswahl davon im Bürgerzentrum West ausgestellt haben. Die Architekten engagieren sich in der Initiative Stadtraum West, und worum es ihnen geht, sind die „belebten, differenzierten, ur­banen Stadträume“, die auf den alten Fotos sichtbar werden. Heutzutage, finden die Ernsts, sind solche Stadträume in Stuttgart „ja leider rar“.

Wohl wahr. Die Moderne, zumal die Nachkriegsmoderne, hat den öffentlichen Raum einem radikalen Funktionalismus ausgeliefert, mit dem Verkehr als tyrannischem Alleinherrscher. In seinem Buch „Städte für Menschen“ beschreibt der dänische Stadtplaner und Erfolgsautor Jan Gehl, wie sich Urbanität und Lebensqualität zurückgewinnen lassen: Eine Stadt sei dann lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert, „wenn sie also nicht im Tempo des Auto­mobils, sondern in dem von Fußgängern und Fahrradfahrern tickt“, wie er in einem Interview resümierte. Worauf es ankomme, sei „die Inter­aktion von Form und Leben, die Dinge, die sich zwischen Häusern abspielen – dieses Leben zwischen den Häusern ist zugegebenermaßen komplizierter zu planen als ­irgendein vermeintlich großartiges Stück Architektur“.

Von der Stadtbau­geschichte lernen

Die Dinge, die sich zwischen den Häusern abspielen, mit anderen Worten: der öffentliche Raum – darauf richtet sich auch der Blick der Ernsts bei der Betrachtung der Bilder vom Stuttgarter Westen anno 1900. Denn aus historischen Stadt­ansich­ten lassen sich ihrer Meinung nach Lehren für die heutige Stadt­planung ziehen. Der neuerdings propagierte „Shared Space“ etwa, in dem sich alle Verkehrsteilnehmer – Fahrzeuge, Fußgänger, Fahrradfahrer – gleichberechtigt bewegen, sei auf dem Rote­bühl­stra­ßen-Foto schon geradezu ideal­typisch verwirklicht, findet Eckhard Ernst. Von der Stadtbau­geschichte lernen, lautet mithin die Devise und Intention der Ausstellung „Gründerzeit“.

Viel scheint die autogerechte Stadt von den Stadtbaufähigkeiten unserer Altvor­deren nicht übrig gelassen zu haben. Selbst dort, wo Benzinkutschen nicht mehr dominieren, fällt der hilf- und lieb­lose Umgang mit dem öffentlichen Raum auf. So zeigte der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler bei einer Podiumsdiskussion in Stuttgart unlängst aktuelle Aufnahmen aus dem Europaviertel, und als Einheimischer wollte man am liebsten im Boden versinken vor Scham über die geistverlassene Ödnis dieses zentralen neuen Stadtteils hinter dem Hauptbahnhof.

Der Westen ist gegenüber dieser stadtplanerischen Bankrotterklärung sicher immer noch privilegiert. Dabei entstand auch er einst als Stadterweiterung, bei der im Eiltempo ganze Häuserblocks hochgezogen wurden, viele davon aus einer Hand. Aber es gab zwei wesentliche Unterschiede: Die Parzellen waren kleiner und die Bauunternehmer noch von Bürgerstolz beseelt. Sie dachten wirtschaftlich, wollten aber auch eine ansehnliche Stadt bauen. Christine Ernst beschreibt sie als „eine Mischung aus knallhart und romantisch“. Gottlob Widmann zum Beispiel, einer der großen Bauträger damals, ein bärtiger Herr, dessen Konterfei ebenfalls in der Ausstellung hängt, war ein Bewunderer – und Auftraggeber – des großen Stadtbaumeisters Theodor Fischer.

Die Türmchen und Erker, die in der Gründerzeit jedes Haus zierten, werden gewiss nicht zurückkehren. Man kann die Uhren nicht zurückdrehen. Das streben die Ernsts auch gar nicht an. Sie wollen vielmehr „für eine andere Sicht auf den öffentlichen Raum“ werben". Ohne ein Zusammenwirken der verschiedenen Stadt­planungs­initiativen und -in­stanzen wird es aber nicht gehen. Der Charme der historischen Stadtbilder allein kann nicht viel bewirken – höchstens den Entscheidungsträgern in den Amtsstuben und im Rathaus mental auf die Sprünge helfen.

Bis 20. Februar im Bürgerzentrum West, Bebelstraße 22, Mo-Fr 8.30–13, Di 14–16, Do 14–18 Uhr. Die Initiative Stadtraum West sucht noch nach weiteren Ausstellungsmöglich­keiten für die Fotoschau. Hinweise an ­eckhard.ernst@ernst-plan.de oder unter der Telefonnummer 0711/60 70 315.


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