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Von der Steinwüste zum Höhenpark Killesberg

1939-2014

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Das Spannungsfeld von Wirtschaft und Vergnügen hat die Geschichte des Höhenparks Killesberg über ein halbes Jahrhundert lang mit bestimmt. Zum 75. Geburtstag hat das Stadtarchiv Stuttgart im Jahre 2014 einen Blick auf die Geschichte des Gartens geworfen.

Von Thomas Faltin

Fast jeder Stuttgarter verbindet mit dem Höhenpark Killesberg persönliche Erinnerungen: als Kind war man fasziniert von den Tieren im Streichelzoo und vom Karussell, als Jugendlicher feierte man rauschende Partys im Perkins Park, als Erwachsener schätzt man womöglich eher die Aussicht vom Schlaich-Turm oder die unendliche Pracht der Dahlien. Ja, und dann waren und sind da noch der Tazzelwurm, die Seilbahn, die Freilichtbühne, das Sommerfest – viele kommen richtig ins Sprudeln beim Erzählen.

Es gab aber auch einen anderen, sehr viel nüchterneren Blick auf das Gelände: Früher lag der Park in der Verantwortung der Messe-Gesellschaft, die sich vergrößern und schwarze Zahlen schreiben wollte. Dieses Spannungsfeld von Wirtschaft und Vergnügen hat die Geschichte des Parks mehr als 50 Jahre lange mit bestimmt: Schon 1950 sei für die Stadt Stuttgart nämlich klar gewesen, dass der Killesberg der zentrale Veranstaltungs- und Messeort werden sollte, sagt Maria Christina Zopff, die eine Ausstellung zum 75. Jubiläum des Parks im Stadtarchiv vorbereitete. Erst Mitte der 1990er Jahre ging die Leitung des Parks auf das Garten- und Friedhofsamt über. Und 2007 endete mit der Eröffnung der Landesmesse auf den Fildern die doppelte Funktion des Areals.

Aber der Reihe nach. Allgemein bekannt ist, dass das Gebiet öd und wüst lag, als es in den 1930er Jahren für die Reichsgartenschau auserkoren wurde. Weniger im Gedächtnis ist allerdings geblieben, dass nicht das gesamte 50 Hektar große Gelände Steinbruch, Heide und Wildnis war, sondern es existierte bereits ein Eisenbahnerwal­dheim, das schon ein Ausflugsziel war – und das bereits ein Bähnchen besaß, den Vorläufer des legendären Tazzelwurms.

Symbol der Schreckensherrschaft

Doch bis zur Eröffnung der Reichsgartenschau am 22. April 1939 blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Eine halbe Million Kubikmeter Erde sind angeblich bewegt, richtige Täler sind geschaffen, 15 Kilometer Wege angelegt und mehr als eine Million Blumen gepflanzt worden. Interessant ist für Roland Müller, den Leiter des Stadtarchivs, dass der Landschaftsar­chitekt Hermann Mattern und der Hochbauarchitekt Gerhard Graubner keine Anlage geschaffen haben, die dem völkischen Gedankengut der Zeit entsprach. Es sei vielmehr ein sehr individualistischer Entwurf realisiert worden, so Müller – statt streng axialer Wege mäandern die Pfade durch den Park, statt übersichtlicher Plätze gibt es schattige Täler und beinahe wilde Bereiche. Zum Symbol der Schreckensherrschaft ist der Killesberg für Stuttgart dennoch geworden: 1941 haben die Nazis dort die jüdischen Mitbürger Württembergs zusammengeführt, um sie dann in den Osten zu deportieren. Die meisten sind dort ermordet worden.

Wahrscheinlich hat es die Distanz von Matterns Entwurf zum Dritten Reich ermöglicht, dass der Architekt nach dem Krieg ein zweites Mal auserwählt worden ist, den Killesberg zu gestalten. Rund 180 Bombenein­schläge hatten den Park in eine Wüstenei zurückkatapultiert – zur Deutschen Gartenschau im Jahr 1950 erstrahlte er neu.

Ein Tief-, aber auch Wendepunkt des Parks waren für die Ausstellungsmacher die 1970er Jahre. „Das Gelände war damals nur noch als Dispositionsfläche für weitere Messehallen betrachtet worden“, sagt Zopff. Doch dann regte sich erstmals Widerstand: Viele Bürger wollten keine noch größere Messe, die Anwohner hatten die Nase voll vom Verkehr – und vor allem rückte der Garten plötzlich wieder ins Bewusstsein der Menschen. Erstmals kam die Idee auf, den Park mit seiner historischen Anlage unter Denkmalschutz zu stellen, was 1986 auch gelang.

Das Ende ist bekannt: Bei der IGA 1993 hat man den Park an den Schlossgarten angebunden, und man versucht seither, den historischen Kern zu bewahren. „Die Leitmotive von 1939 bleiben für uns bindend“, sagt Volker Schirner, der Leiter des Garten- und Friedhofsamtes. Das bedeutet bei einem Park fortwährende Arbeit: Die rund 3000 Bäume und unzähligen Stauden müssen ständig geschnitten, Sichtachsen offen gehalten werden. 27 Gärtner beschäftigt die Stadt dafür. Für Schirner ist besonders erfreulich, dass es 2012 gelungen ist, den Park um elf Hektar zu erweitern. Der neue Teil bleibe mit den hohen Rasenpolstern ein Diskussionspunkt, so Schirner: Manche mögen es nicht, manche sehen darin etwas ganz Besonderes. „Es wäre für uns leicht gewesen, die alte Konzeption fortzusetzen“, sagt Schirner: „Aber wir wollten bewusst einen modernen Akzent setzen.“


Kommentare

von Uwe Zeller, am 01.06.2014 20:33 Uhr

Leider hat man nun bei der Neugestaltung des Killesberg-Einganges den Denkmalschutz nicht beachtet oder ihn für den Eingangsbereich nicht angewendet. Immer führten die Wasserspiele und die Wege den Besucher harmonisch in den Park hinein, auch nach mehreren Umgestaltungen. Nun quält man sich kreuz und quer durch die dissonante "Fuge" in den Park hinein, ja, bekommt das Gefühl, man finde nie dorthin. Vielleicht ist ja noch einmal das Geld vorhanden, diese Verschandelung des schönen Killesbergeinganges rückgängig zu machen.



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