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Die Rathäuser

1824-2008

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Foto: Stadtarchiv Stuttgart
Stuttgart hat auch schon mal schönere Rathäuser gehabt als das heutige. Im Bild: die Einweihung des neuen spätgotischen Rathauses im Jahr 1905, das wie so vieles im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

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Manch einer mag neidvoll nach München blicken, das im ewigen Wettstreit der Metropolen des Südens oft die Nase vorn hat. Auch das Rathaus der Bayern ist irgendwie schöner als das der Schwaben und bietet einen entscheidenen Vorteil: es hat einen Balkon. Aber der VfB wird ja auch nicht so oft Deutscher Meister wie der FC Bayern, der sich dort fast jedes Jahr feiern lassen kann.

Von Matthias Ring

Genau 50 Jahre, nachdem an derselben Stelle das spätgotische Rathaus eingeweiht worden war, wurde Richtfest für das neue Rathaus gefeiert, am 1. April 1955. Eingeweiht wurde es am 4. Mai 1955 mit großem Aufgebot. 850 Vertreter des öffentlichen Lebens nahmen daran teil, auch der Bundespräsident Theodor Heuss reiste an und hielt eine Festrede. Die eigentliche sehr, sehr lange Ansprache aber hielt der Oberbürgermeister Arnulf Klett, der nicht nur einen historischen Exkurs machte, sondern auch die Wogen zu glätten versuchte. Denn das, was dort am Marktplatz thront, gefiel nicht allen Bürgern.

Nie daran gewöhnen können

Also sprach Klett: „Meine Damen und Herren! Auch wenn alle Beteiligten ihr Bestes gegeben haben, kann ich nicht glauben, dass unser Rathaus so, wie es gebaut wurde, heute schon allen Bürgern gefällt. Wenn wir uns an die heftigen Pressefehden und an die leidenschaftliche Stellungnahme vieler unserer Bürger erinnern, werden wir uns darüber klar sein müssen, dass auch heute noch viele sind, die sagen, das alte Rathaus sei schöner gewesen, mindestens habe es besser nach Stuttgart gepasst, und an das neue werden sie sich nie gewöhnen können. Hüten wir uns davor, solche Stimmen mit Verachtung zu überhören, zu bespötteln oder sonst gering einzuschätzen. Die Meinung dieser Leute führt uns nämlich zu einer Erkenntnis, der man ins Auge sehen muss: Unsere heutige Zeit hat noch keinen Baustil, der im Bewusstein des Volkes lebt und deshalb der allgemeinen Anerkennung schon sicher wäre.“

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie weit das neue Rathaus mehr als fünfzig Jahre danach Anerkennung findet und ob es heute einen Baustil gibt, der im Bewusstein des Volkes lebt. Zumindest hat man sich irgendwie daran gewöhnt, was sich die Architekten Hans Paul Schmohl und Paul Stohrer für die Stadt erdacht haben. Sie gewannen den vom Gemeinderat im Jahr 1950 ausgeschri­ebenen Wettbewerb, an dem sich 64 Architekten beteiligt hatten. Zu Gute halten kann man immerhin, dass es sich beim Stuttgarter Rathaus um kein historisierendes Zuckerwerk handelt, sondern um einen eher nüchteren Funktionsbau, indem ebenso nüchterne Entscheidungen getroffen werden.

„Zur Notdurft der Stadt“

Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Vorgänger imposanter war. Auch der hatte schon einen Vorgänger, mehrere sogar, wobei es keine genauen Quellen für die Geschichte der ersten Rathäuser gibt. Es wird angenommen, dass das erste noch gräfliche Rathaus am Marktplatz 5, dem heutigen Hauflerschen Haus stand, und zwar schon um 1400. Im Jahr 1614 hat Schickhardt auf dem Sockel des Gebäudes ein Haus mit drei Türmchen für die Vorfahren der Kellerschen Tuchhandlung erstellt, in deren Besitz es bis 1766 war. Denn die alten Rathäuser waren mehr Kaufhäuser wie auch das 1450 unter Graf Ulrich gebaute und 1820 wieder abgebrochene Herrenhaus auf dem unteren Teil des Marktplatzes.

Auch das erste wirkliche Rathaus der Bürgerschaft hatte seinen Platz am Markt. Graf Ulrich der Vielgeliebte gab seine Genehmigung zum Bau im Jahre 1456 „zum besseren Ansehen des Marktes und zur Notdurft der Stadt“. An diesem Rathaus gab es im Laufe der Zeit mehrere bauliche Änderungen, die massivste im Jahr 1824 unter dem Oberbaurat von Groß, der den malerischen Fassadenschmuck beseitigte. 1841 und 1872 wurden noch zwei Nachbarhäuser, Marktplatz 2 und 3, von der Stadt angekauft und für Amtsgeschäfte benutzt.

Dennoch war mit dem Wachsen der Stadt zu wenig Platz in den Amtstuben. Schon 1870 regte man einen Neubau an, der aber wegen des Siebziger Krieges nicht weiter verfolgt wurde. 1884 kam der Gedanke erneut auf, 1894 schließlich wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem mehr als 200 Entwürfe eingingen. Nachdem man zwischenzeitlich überlegt hatte, an anderer Stelle zu bauen, entschloss man sich 1898 doch dazu, am Marktplatz zu bleiben. Den Auftrag erhielten die Berliner Architekten Jassoy und Vollmer. Im Sommer 1899 begannen die Arbeiten, denen im weiteren Verlauf auch zwanzig alte Häuser zum Opfer fielen. Sechs Jahre dauerte der Bau, am 1. April 1905 wurde die Einweihung gefeiert – in Anwesenheit des Königs.

Um 1.50 Uhr bleibt die Uhr stehen

Fast vierzig Jahre lang wurden in dem Rathaus mit seinem flämisch-niederländischen Baustil sowie der Gotik und der Rennaisssance entnommenen Formen die Geschicke der Stadt gelenkt. In der Nacht vom 25. auf den 26. Juil 1944 erfolgte ein schwerer Luftangriff. Die durch Bomben entstandenen Schäden wurden durch einen schweren Feuersturm erheblich verstärkt. Nur der 68 Meter hohe Turm erlitt keine Einschläge. Die Uhr blieb dennoch um 1.50 Uhr stehen.

Doch die Zeit ging weiter. Wie gesagt: 50 Jahre nach der Einweihung des alten wurde Richtfest fürs neue Rathaus gefeiert. Und auch wenn dieses keinen Balkon und kein putziges Glockenspiel hat, kann man zumindest sagen: außen pfui, innen hui. Denn schließlich hat das Rathaus einen Paternoster. Und das ist doch auch schon mal was.


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