Die Geschichtswerkstatt von Stuttgarter Zeitung und Stadtarchiv
Startseite
Werden Sie Chronist
Themen
Orte
Zeiten
 

Aufwachsen im Krieg

1940-1949

Bilder zum Thema





Anmelden


Möchten Sie auch Bilder beitragen oder Ihre Erinnerungen zu einem Thema aufschreiben? Hier geben wir Ihnen alle Informationen, wie „Von Zeit zu Zeit“ funktioniert.



Zeitliche Einordnung


Bilder hinzufügen

Sie wollen eigene Bilder zu diesem Thema hochladen?
Sie wollen einen Zeitzeugenbericht zu diesem Thema schreiben?

Foto: Margit Lechtenbörger
Margit Lechtenbörger während des Zweiten Weltkrieges in ihrem Kinderzimmer in der Stuttgarter Hauffstraße. Wenige Jahre später liegt das Haus der Familie, getroffen von einer Bombe, in Schutt und Asche.

Dieses Bild interessiert 5 Chronisten


Dieses Thema interessiert 4 Chronisten


Die Erinnerungen an die Zeit der Kindheit prägen einen Menschen. Die StZ hat sich mit Stuttgartern getroffen, die in den 40ern aufgewachsen sind. Wie war das, als die Bomben auf Stuttgart fielen? Ein Text aus der StZ aus dem Jahr 2006.

Von Viola Volland

Helga Sugg und Inge Waibel haben Fotos mitgebracht, die sie als junge Mädchen zeigen. Karl Herrmann hat nur gekaufte Bücher über die Angriffe auf Stuttgart in den 40er-Jahren dabei. Seine Fotoalben sind 1944 verbrannt. Die drei Rentner treffen sich in dieser Runde zum ersten Mal. Sie sitzen im Speisesaal des Betreuten Wohnens Stuttgart-West. Geschirr klappert. Es gibt Kaffee und Obstkuchen. Frau Sugg und Frau Waibel kennen sich bereits über das Wohlfahrtswerk, aber mit dem 74-jährigen Karl Herrmann haben sie sich zuvor noch nie unterhalten. Die StZ hat die drei Rentner zusammengebracht, damit sie sich über ihre Kindheit austauschen. Helga Sugg ist in Bad Cannstatt groß geworden, Inge Waibel im Stuttgarter Westen am Feuersee und Karl Herrmann in der Innenstadt, in der Kronprinzstraße.

Fußballspielen auf der Theodor-Heuss-Straße

Karl Herrmann erzählt gerade, dass er als Kind auf der Rotestraße, dem Vorgänger der Theodor-Heuss-Straße, Fußball spielte. „Wir mussten am Nachmittag höchstens viermal von der Straße runter, weil ein Auto kam“, erinnert er sich. Heute wäre das undenkbar. „Mein Sohn hat mir das nicht geglaubt.“ Die beiden Damen nicken. „Wir haben Seilhüpfen über die Straße gespielt“, sagen sie. Helga Sugg kann sich vage an ein „Kreisspiel“ erinnern, nur die Regeln wollen ihr nicht mehr einfallen. Die Bilder sind zu blass. Ob sie weitere Hobbys gehabt haben? Ob man als Kind zum Beispiel früher gesammelt habe? Ja, natürlich! Anstecker vom Winterhilfswerk wollten alle haben, berichtet die 76-jährige Inge Waibel. Weihnachten habe es „immer so nette Holzfigürle“ gegeben. Und wenn heute bei der Fußball-Weltmeisterschaft Panini-Bildchen gesammelt werden, erinnert das die drei auch an ihre Kindheit, als man ganz versessen war auf „Bilderschecks“ in Zigarettenpac­kungen, für die es im Austausch bunte Bildchen gab. Die Väter haben geraucht, die Kinder haben die Schecks bekommen und später die Bilder ins dazugehörige Album geklebt. „Ich hatte alle Alben“, sagt Karl Herrmann und klingt immer noch ein wenig stolz. Tiere, Pflanzen, Olympia 1933, Olympia 1936. „Die sind leider auch alle verbrannt.“

Bombardierung der Heimat

So kommen die drei an diesem Nachmittag immer wieder auf das Traurige, Schwere zurück, das ihre Kindheit so geprägt hat und die heute 77-jährige Helga Sugg betonen lässt: „Man konnte kein Kind sein, man war kein Kind mehr.“ Die Bilder von der Bombardierung ihrer Heimatstadt haben sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. Sie berichten von Straßenzügen, in denen alle Häuser abgedunkelte Fensterscheiben hatten. Auch die Scheinwerfer der Autos seien bis auf dünne Schlitze zugeklebt gewesen – damit die Bomber keine Zielscheibe bekämen. Die Nummernschilder haben alle mit 3A begonnen („Berlin war 1A“). Man muss gar nicht viel fragen, denn es sprudelt nur so aus den dreien heraus. Was andere nur aus Geschichtsbüchern kennen, haben sie erlebt. „Ich habe in der Königstraße unten im Keller gesessen“, erinnert sich Karl Herrmann an Luftangriffe im Juni 1944. „Da habe ich Angst bekommen wie nie mehr in meinem Leben.“ Der junge Karl Herrmann guckte hoch zum Notausstieg. „Ich hab gedacht, da wird gleich eine Bombe reingeschmissen.“ Unterirdisch sind sie geflüchtet. Einen Koffer hatte seine Mutter dabei, mehr nicht. „Es hatte niemand mehr als einen Koffer oder eine Tasche“, bestätigt Helga Sugg. Sie weiß noch, wie sie nachts schlafen ging: komplett angezogen, bereit zur Flucht. Einmal schlug eine Bombe ins Vorderhaus ein. „Da war nur noch Staub und Dreck.“ Ihre besten Freundinnen, Elsbeth und Margot Payer, haben den Großangriff nicht überlebt. Inge Waibel hatte noch lange nach dem Krieg ein ungutes Gefühl beim Gang in den Keller. „Vielleicht kam das von den Angriffen“, vermutet sie. Auch wenn sie 1943 und 1944 nur selten in Stuttgart war. „Ich war verlagert ins Allgäu.“ Wegen des Kriegs mussten die Kinder aufs Land, auch Karl Herrmann und Helga Sugg.

Arbeitsausweis für Kinder

Karl Herrmann hatte im Juli 1944 Ferien und durfte zu seinen Großeltern nach Esslingen. „Ich bin einfach nach Stuttgart gefahren“, sagt er und grinst. Helga Sugg wiederum, die Älteste der drei, musste bereits im Frühjahr 1944 zurück nach Cannstatt. Sie bekam einen Arbeitsausweis, arbeitete zuerst in einer Bäckerei, dann wurde sie „zum Kodak“ eingezogen. Was viele heute nicht mehr wissen: das Werk in Hedelfingen war damals für die Rüstungsproduktion eingerichtet. Helga Sugg musste als 14-Jährige Zeitzünder für Bomben bauen. Frau Waibel gießt Mineralwasser nach. Erinnern macht durstig. Schon geht es um das nächste Thema: Essen. „Wir haben zum Beispiel Kommissbrot gekriegt“, berichtet Karl Herrmann. „Das lag zehn Wochen im Keller, teilweise war Schimmel drauf, da hat man eine Bürste genommen und es abgebürstet.“ Frau Waibel erzählt von der Zeit, als sie im Allgäu auf einem Bauernhof lebte. „Richtig arbeiten“ habe sie müssen – doch zu essen bekam sie nur wenig. „Milch gab es, aber kein Gemüse.“ Die Lehrerin habe die Bauern noch ermuntert, die Kinder arbeiten zu lassen. „Sie hat sich ihre Eier abgeholt und gesagt, die können ruhig helfen.“

Mit Lehrern verbinden die drei Stuttgarter nicht viel Positives. Streng waren die Pädagogen. Sie haben zugeschlagen, wenn man nicht gerade gesessen hat. Und alt waren sie. „Wir hatten Lehrer, die schon pensioniert waren“, sagt Herrmann. „Die jungen Lehrer waren alle im Krieg.“ Er erinnere sich, sagt der frühere Steuerfachanges­tellte, dass er in der Schule jeden Tag die gleiche Hausaufgabe hatte: eine Seite Wehrmachtsbericht abschreiben. Das habe sie freiwillig gemacht, gibt Frau Sugg zu. Ihre Eltern seien Nazis gewesen. „Ich wusste nichts anderes, Hitler war meine Religion.“ Inge Waibel meint, sie habe mit den Nazis nichts am Hut gehabt. „Ich konnte das nicht leiden, meine Uniform war immer in der Wäsche.“ Die 76-Jährige zieht ein Hosenbein hoch, sodass ein Schuh mit dicker Sohle zu sehen ist. „Weil ich einen Klumpfuß habe, musste meine Mutter feststellen lassen, ob das eine Erbkrankheit ist“, erzählt sie. Wäre es eine gewesen, hätte sie nicht heiraten dürfen. „Das wusste ich mit zwölf Jahren.“

Die ersten „Farbigen“ in der Stadt

Anders als Jugendlichen heutzutage waren Klamotten und Marken nicht wichtig. „Wir hatten ja nichts“, sagt die gelernte Damenschneiderin Inge Waibel. Ihr Kleid für den Abschlussball hat sie aus Gardinen genäht. Wie man sich eben zu helfen wusste, in einer Zeit, als alles knapp war – auch noch in den Jahren nach dem 8. Mai 1945. „Die Franzosen und Marokkaner kamen damals als Erste nach Stuttgart. Ich hatte in meinem Leben noch nie einen Farbigen gesehen“, sagt Helga Sugg. Zu Hause war es erstmal schwer. Ihr Vater, der ja Nazi war, habe alles hergeben müssen, sogar sein Bett. Doch insgesamt sei er nach dem Krieg milder geworden. „Der Hitler hat aus meinem Vater einen bösen Mann gemacht, er war damals viel strenger als später“, sagt Frau Sugg. Auch für Karl Herrmann war es nach dem Krieg nicht einfach. Sein Vater ist in einem Gefangenenlager in Sibirien gestorben. Seine Mutter sei mit dem Verlust nicht zurechtgekommen. Auch ihm habe einiges gefehlt. „Ich musste mir alles selbst erarbeiten.“

Den 20. Juni 1948 werden die drei nie vergessen. „Plötzlich waren die Schaufenster voll, am Tag zuvor hatte man noch nichts kaufen können, jetzt war alles da – Bananen, Orangen“, erinnert sich Helga Sugg an den Tag der Währungsreform. Alle standen sie mit ihren 40 Mark vor den Schaufenstern – ohne erst mal etwas zu kaufen. Helga Sugg, die dann als kaufmännische Angestellte gearbeitet hat, drückt es so aus: „Ich habe mein Leben gelebt, bin tanzen gegangen, das war toll.“ Langsam ist die Last des Krieges abgefallen von dieser Generation. Nach drei Stunden verabschieden sich die drei Rentner voneinander. Ungewohnt sei es gewesen, die alten Zeiten Revue passieren zu lassen, darin sind sie sich einig. „Ich lebe eigentlich sehr im Heute“, sagt Karl Herrmann. Auch Inge Waibel denkt nicht viel an früher. Das mache alt, findet sie. Helga Sugg schaut gerne zurück. Als „der Ami"" mit seiner Musik gekommen sei, das sei die schönste Zeit gewesen, meint die 77-Jährige. "Aber vergessen hat man die andere nicht.“


Zeitzeugenberichte

Eine denkwürdige Weihnachtsfeier im Jahr 1943
Dorothea Bystrich (Jahrgang 1935) aus Duisburg ist im Jahr 1943 als achtjähriges Kind alleine nach Ohmenheim bei Neresheim gekommen, um dort im Rahmen der "Kinderlandverschickung" das Kriegsende ab...
Ein alter 119-er der Kaserne Burgholzhof erinnert sich
Von Dr. Walther Heinz Frisch von der Uffz-Schule entlassen kam eine Gruppe junger Schwaben im Juli 1944 auf die Burgholzhof-Kaserne, um vor der sogenannten „Frontbewährung“ eine ruhige Zeit in d...

Kommentare

(Noch keine Einträge vorhanden)



Stuttgarter Zeitung
 
 
von Zeit zu Zeit