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Familientragödie - Fünfjahriger holt die Polizei

Eingestellt von

Utz Gernot Baitinger



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Ort

Feuerbach, 70469 Stuttgart

Zeitzeugenbericht

Es geschah in der Nacht zum Sonntag, den 14. November 1943, mitten im Krieg. Unser Haus stand in einer kleinen Seitenstraße in Feuerbach. Meine Eltern, mein jüngerer Bruder und ich bewohnten den ersten Stock, unsere Oma lebte im Parterre, bei ihr die junge, noch unverheiratete Tante Erna, und oben hauste in seiner Bude Onkel Herbert, noch unselbstständiger Jüngling.

Am frühen Morgen klingelte es bei uns Sturm! Unsere Mutter rannte zur Wohnungstür, ich schreckte vom Bett hoch und rannte hinterher. Vor der Tür erkannte ich Onkel Herbert, völlig in Tränen aufgelöst, er zappelte, heulte und schrie ganz verzweifelt: „Mama ist tot! Mama ist tot!“ Wir gingen sofort mit ihm hinunter, um nach Oma zu sehen. Sie lag ganz still in ihrem Doppelbett, neben ihr wie immer Tante Erna, sie schien noch zu schlafen. Unsere Mutter rüttelte sie, um sie zu wecken und ihr zu sagen, dass Oma tot sei. Plötzlich schrie sie auf: „Die ist ja auch tot!“ Und an mich gewandt, tonlos: „Bitte, hol' die Polizei!“

Warum ich? Nun, die Männer waren alle im Krieg, Onkel Herbert völlig von Sinnen und ich war ihr Ältester, wenn auch erst fünf Jahre alt. Sofort machte ich mich auf den Weg, ich musste nur um den halben Häuserblock laufen und schon stand ich vor dem Rathaus. Ich hatte bisher einen Heidenrespekt vor Polizisten. Wenn sie mir begegneten, so sah ich ihnen besser nicht in die Augen, wie’s auch bei bissigen Hunden ratsam ist. Aber jetzt hatte ich einen wichtigen Auftrag zu erfüllen und der erfüllte wiederum mich mit Stolz.

Also betrat ich ohne zu zögern die Polizeiwache. Den zwei Schupos meldete ich pflichtbewusst: „Meine Oma ist tot.“ Keine Reaktion. „Und meine Tante Erna auch.“ Beide erhoben sich: „Junge, sag das nochmal!“ Ich wiederholte es. „Und wo soll das sein?“ „Villacher Straße 6.“ Die Schupos setzten ihre Tschakos auf - jetzt kam ich mir ganz wichtig vor! - sie kamen zu mir her und ich, der Fünfjährige, führte beide wie eine Eskorte ab zu mir nach Hause.

Inzwischen hatte sich das Schlafzimmer gefüllt mit allerlei Volk aus der Nachbarschaft, da gab’s was zu gaffen. Unsere Mutter hatte alle Fenster weit geöffnet, weil sie Gasgeruch bemerkt hatte. Wenig später kamen die Männer von den Technischen Werken, steckten Sonden in die Ritzen des Riemenbodens, füllten ihre Ballone und bestätigten den Austritt von Stadtgas. Das Haus hätte auch explodieren können.

Da hörte man schon vor den Fenstern die Presslufthämmer rattern, die starken Männer suchten fieberhaft das Leck in der Stadtgasleitung. Sie ratterten den ganzen Tag, Sonntag hin oder her. Sie hatten die Gasleitung bald auch vor dem Nachbarhaus freigelegt, ohne ein Leck zu finden. Als es dunkel wurde, stellten sie Lampen auf und gruben bei Scheinwerferlicht weiter. Der Graben ging bald die ganze Villacher Straße entlang, bis sie das Leck endlich fanden: Es lag drei Häuser weiter. Das giftige Gas war durch das Erdreich gedrungen, an mehreren Häusern entlang, erst bei uns war es ins Haus geströmt und hatte meiner Oma und Tante Erna den Tod gebracht. - Sie wollte in wenigen Tagen heiraten.

Nach und nach trafen die Männer ein, mein Vater, meine Onkel. Sie hatten Urlaub bekommen vom Militär und meinten bis zuletzt, sie kämen zu einer Hochzeit. Auch der Bräutigam, ein junger Offizier, kam endlich an, froh, dem Krieg für einige Zeit entronnen zu sein, und völlig ahnungslos, was passiert war. Die Ereignisse der folgenden Nacht verschlief ich. Vom Hörensagen erfuhr ich später: Einer meiner Onkel brachte die Dienstpistole des Bräutigams an sich, entfernte alle Patronen daraus und steckte sie unauffällig wieder zurück. Statt einer Hochzeit fand eine Beerdigung statt. Meine Oma war vierundfünfzig Jahre alt als sie starb, meine Tante Erna zweiundzwanzig. - Sie wurde in ihrem Hochzeitskleid bestattet.

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Kommentare

von Gusti Schäfer, am 19.02.2017 22:45 Uhr

Es ist viel Zeit vergangen, aber ich bin zutiefst erschüttert von dieser Geschichte.

Liebe Grüße

Gusti Schäfer



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