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Die erste italienische Gastarbeiterin.

Eingestellt von

Martin Widmann
Martin Widmann
am 15.01.2009

Zugeordnetes Thema

(nicht angegeben)



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Ort

Am Kräherwald, Stuttgart

Dieser Bericht ist folgendem Album zugewiesen:


Zeitzeugenbericht

Mit unserer Signorina zum Solitude Rennen und nach Bella Italia.

Im Jahr 1959 hatten wir uns schon an die Gastarbeiter aus Italien gewöhnt. Sie waren fleißig und männlich und halfen uns bei der täglichen Arbeit. Sie trafen sich in ihrer Freizeit zum Bocciaspiel in den Stuttgarter Anlagen.
Vom italienischen Restaurant mit seiner guten Küche war noch nichts zu spüren.

Wir waren drei junge Kerle von 18 Jahren, als urplötzlich eine junge Italienerin unser Leben veränderte.

Die Signorina kam aus einem kleinen Dorf bei Riccione. Sie arbeitete bei uns in Stuttgart in der Nikolauspflege, wo wir unter den blinden Bewohnern langsam groß wurden.
Alles machten wir gemeinsam. Der VfB wurde angefeuert oder wir waren bei den Sportfreunden in Degerloch selbst am Ball.

Der Höhepunkt des Jahres war das alljährliche Solitude Rennen. Pasqualina war für Ferrari und wir Jungs für den Fahrer Graf Berge von Trips und somit hatten wir auch gemeinsam gewonnen.

Unsere Freundin lernte von uns die deutsche Sprache und natürlich auch ein paar Worte schwäbisch, die wir bewusst einsetzten, wenn etwas nur für „Männerohren“ bestimmt war.

Dann war es so weit. Mit einem VW Käfer Baujahr 1954 meines Vaters, starteten wir 1961 zu einer Reise nach Bella Italia. Pasqualina hatte uns eingeladen, mit Ihr gemeinsam ihre Heimat zu besuchen.

Die Fahrt führte uns über Landstraßen an den Rheinfall und dann nach Zürich. Es ging mühsam weiter über den St. Gotthard nach Airolo. Übernachtet wurde im Zelt unter freiem Himmel. Selbstverständlich schliefen die Jungs gemeinsam in einem alten Militärzelt ohne Boden und unsere Begleiterin im modernen Zweimannzelt.

Mailand wurde von den Zinnen des Domes aus besichtigt und das Spaghetti-Mittagessen hinterließ seine Spuren auf unseren weißen Hemden. Auf der alten Via Emilia ging es an die Adria nach Riccione. Dort hatten wir dann für 8 Tage unser Standquartier in einem Pinienwäldchen vor einem „Hotel“. Das „Pigalle“ wurde von der Cousine unserer Pasqualina als „Direktorin“ geleitetet.

Voller Überraschung war die Einladung zu den Eltern von Pasqualina.
Am Haus wurden die Fensterläden den ganzen Tag geschlossen gehalten. Es gab keine Vorhänge und keine Tapeten. Der Fußboden im Wohnzimmer war aus blankem Stein(Marmor) und nicht wie bei uns zu Hause mit Linoleum ausgelegt. Die Möbel sahen auch anders aus und ein Sofa gab es auch nicht.

Für das Festessen wurden zwei Hühner vor dem Schlachten artgerecht im Keller gehalten und kamen dann ganz frisch, ohne Kühlaufenthalt, auf den Tisch.

Als Vorspeise gab es eine Art Eintopf (Minestrone), es folgten breite Nudeln mit Sauce(Lasagne), den Salat musste man selbst anmachen, dann Rinderbraten und Huhn ohne Sauce und zum Nachtisch eine Süßspeise aus Quark und trockenem Weißbrot mit Kakaopulver (Tiramisu). Es schmeckte uns ausgezeichnet und dies war somit der Einstieg in die italienische Küche, die von uns bis heute sehr geschätzt wird.

Auf der Rückreise besuchten wir Venedig. Dort tranken wir auf dem Marcus Platz ein deutsches Bier und freuen uns auf den Gardasee und die Fahrt durch Südtirol. Dort waren die Anschläge der „Freiheitskämpfer“ noch an der Tagesordnung. Über den Mendelpass und die Brennerlandstraße ging es zurück nach Deutschland.

Am 13. August 1961 konnten wir bei Biberach, auf Mittelwelle, wieder unseren Heimatsender Stuttgart im Autoradio empfangen.

Es wurde gemeldet, dass in Berlin eine Mauer errichtet wurde. Aber Berlin war weit weg und wir waren jung und kamen aus dem Urlaub. Wir benötigten auch keine Visa, wie es damals für die Reise durch die Ostzone nach Westberlin benötigt wurde.

Nun im Jahr 2009 sind schon wieder 20 Jahre vergangen, dass die Mauer gefallen ist und wir „dabei“ waren als sie vor 48 Jahren gebaut wurde.

An Silvester haben wir auf die gute alte Zeit angestoßen und dabei ist uns auch unsere Pasqualina eingefallen.

Die Medientechnik der neuen Zeit hat uns geholfen mit unsere Signorina wieder in Kontakt zu treten. Am 17.Januar 2009 wird Pasqualina 72. Die Geburtstagstagfeier werden wir gemeinsam an Pasqua (zu Deutsch, Ostern) in einem kleinen Bergdorf bei Riccione in der Via Montebello nachholen, damit die Freundschaft mit Stuttgart niemals erlischt.

Dieser Bericht interessiert 6 Chronisten



Zeitliche Einordnung


Kommentare

von Waltraud Beck, am 15.01.2009 21:06 Uhr

Lieber Herr Widmann,
mit dem allergrößten Interesse habe ich Ihren so lebendig geschriebenen Bericht gelesen. Vieles , was Sie schilderten, habe auch ich erlebt , möchte es aber hier nicht aufführen, es sprengte den Platz hier. Am liebsten würde ich Ihnen auch meine Erlebnisse schildern. Im 2. Kapitel meines Buches (das hier aber nicht wie das 1. Kapitel veröffentlicht wird,) habe ich auch meine Erlebnisse enthusiastisch geschildert. Es war eine tolle Zeit ! Der 13. August 1962 ist bei übrigens auch ein denkwürdiges Datum. Auch Sie sind sicher weiß Gott wie lange am Eissalon Venedig in der Königstraße angestanden, weil es einfach das Höchste war !
Ich freue mich mit Ihnen zur bevorstehenden Geburtstagsfeier mit Pasqualina und grüße Sie sehr herzlich Waltraud Beck



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