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Höhere Handelsschule für Mädchen, Herbst 1952

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am 26.12.2008

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Ort

Rotebühlstrasse, Stuttgart

Dieser Bericht ist folgendem Album zugewiesen:


Zeitzeugenbericht

Diese Schule sei meine einzige Chance, um einen Beruf zu erlernen, hatte mir mein Vater unmissverständlich gesagt. "Wenn du diese Aufnahmeprüfung nicht schaffst, dann bleibst du zu Hause und arbeitest in der Bäckerei und in der Landwirtschaft" fügte er hinzu. Ich wusste, was das bedeutete: spätestens um fünf Uhr morgens in der Backstube anfangen zu arbeiten, Putzarbeiten erledigen, wie Bleche putzen, Maschinen und Teigschüsseln auswaschen, Böden putzen und nachmittags auf den Äckern arbeiten. Tiefe Verzweiflung erfasste mich, wenn ich daran dachte.

Drei Mädchen, Anne, Rose und ich, hatten sich aus unserem Ort zur Aufnahmeprüfung bei der Höheren Handelsschule angemeldet. Mit dem Bus fuhren wir bis zum Schlossplatz und wanderten von dort hinauf in die Rotebühlstraße 101. Das riesige Treppenhaus mit der breiten Freitreppe stand schon, soweit wir sehen konnten, voll junger Mädchen. Mir wurde ganz elend, als ich das sah, wussten wir doch, dass nur eine Klasse Mädchen mit 32 Schülerinnen angenommen wurde. Wie betäubt wanderte ich Schritt für Schritt die Treppe hinauf. Eine Schulsekretärin nahm unsere Personalien auf, dann wurden wir in verschiedene Klassenzimmer verteilt zur Prüfung.

Ich erinnere mich nicht an die Aufgaben, die uns gestellt wurden, nicht, wie wir heimgekommen sind und auch nicht an die folgenden Wochen der Ungewissheit, weil ich einfach aus Angst nicht drandenken wollte. Und plötzlich war dann die Nachricht da: dass Anne und ich die Prüfung bestanden hatten, was für eine großartige Überraschung!

Es gab zwar schon seit vier Jahren die D-Mark, aber das Geld war sehr knapp, die Löhne niedrig. Deshalb nähte mir unsere Hausschneiderin - eine Flüchtlingsfrau, die einigemal im Jahr ins Haus kam und die Bäckereihosen und Schürzen mit Flicken besetzte - aus einer grauen Wolldecke eine Jacke für die Schule.

Die Monatskarte für den Bus nach Stuttgart kostete DM 21,— was meinem Vater jedesmal ein Stöhnen abrang, wenn ich ihn darum bat. Morgens um fünf Uhr, vor der Schule musste ich in der Backstube sein, um mitzuarbeiten. Ich habe es auch nie gewagt, eine Minute zu spät zu kommen, aus Angst vor Strafe. Von Hand Brötchen formen, Brezeln schlingen und Teig für Brotlaibe abwiegen und vor allem schnell zu arbeiten war die Aufgabe. Punkt sechs Uhr durfte ich die Backstube wieder verlassen. Dann schnell waschen, umziehen und zum Bus rennen, denn der Bus nach Stuttgart ging bereits um 6.30 Uhr.

Erst jetzt sahen wir, wie zerstört die Stadt war, in der wir jetzt täglich zur Schule gingen. Die zerstörten Säulen des Kronprinzpalais an der Fürstenstraße ragten wie abgebrochene Finger einer riesigen Hand gespenstisch in den grauen Himmel. Die Läden, zum Teil in Holzbuden, am Rötebühlplatz und in der unteren Königstraße waren Not- und Behelfsbauten, dazwischen Ruinen und abgeräumte Ruinengrundstücke. Auf unserem Schulweg durch die Rotebühlstraße kamen wir am Feuersee vorbei. Dahinter ragte der zerstörte Turm der Johanneskirche empor. Ein trauriger Anblick in der Morgendämmerung.

Aller Anfang ist schwer, doch bald hatten wir uns in der Schule eingelebt. Unsere Hauptfächer waren kaufmännisches Rechnen, Kalkulation, Kaufmännischer Schriftverkehr, Stenographie und Maschinenschreiben. Anne blieb jetzt nach dem Unterricht öfters in der Stadt, um Stuttgart näher kennenzulernen. Sie hatte viel mehr Freiheiten als ich. Eines Tages sagte sie zu mir: "Nach der Schule musst Du unbedingt mit mir in die Stadt kommen, ich zeige Dir etwas." Im oberen Teil der Markthalle hatte sie einen Paternoster entdeckt, so etwas hatten wir noch nie gesehen! Wir rannten fast nach der Schule, um schnell hinzukommen. In dem Gebäude gab es Büros der Stadt Stuttgart und die oberen Stockwerke waren mit einem Paternoster zu erreichen, der fortwährend lief. Wollte man einsteigen, musste man hineinspringen. In einen Einstieg warfen wir die Schulranzen und in den nächsten sprangen wir hinein. Aufregend wurde es, als der Paternoster im obersten Stockwerk auf die andere Seite rumpelte und ruckelte und dann wieder nach unten fuhr. Mehrmals wiederholten wir die Prozedur, bis wir von dem Spaß genug hatten.

Eines Morgens kam sie ganz aufgeregt zum Bus. "Bei Breuninger wurde eine Rolltreppe eingebaut - nach der Schule gehen wir hin und fahren Rolltreppe!" Darunter konnte ich mir nichts vorstellen. Gesagt - getan. Anstatt zum Bus rannten wir nach der Schule zu Breuninger. Staunend standen wir vor der laufenden Treppe, man wartete immer darauf, dass sie auch mal anhalten würde, doch sie tat es nicht, sie rollte und rollte. An ihrer Längsseite war ein langer Tisch aufgestellt. Daran saßen mehrere Frauen, die mit feinen Häkelnadeln an Nylonstrümpfen arbeiteten. Wir sahen ihnen eine Weile zu. Immer wieder kamen Kundinnen und brachten ihre Nylons zum aufmaschen. "Eine Masche zum Aufmaschen kostet 10 Pfennig", sagten die Frauen zu ihren Kundinnen. Das war nicht teuer, im Vergleich zu ein paar neuen Nylonstrümpfen, die DM 7.-- kosteten.

Der folgende Winter wurde hart für uns. In Stuttgart brach Typhus aus. Die Krankenhäuser waren schnell überfüllt, deshalb wurde unsere Schule in ein Krankenhaus umfunktioniert. Täglich bekamen wir mitgeteilt, in welcher Stuttgarter Schule am nächsten Tag ein Klassenzimmer für uns frei sei. Fräulein Borner, unsere Klassenlehrern sagte: "Morgen findet der Unterricht in der Hohensteinschule in Zuffenhausen statt. Der Unterricht beginnt wie immer pünktlich um 7.30 Uhr." Das hieß für uns, um fünf Uhr früh mit dem Bus zu Hause abzufahren, um pünktlich in der Schule zu sein. Es war auch nicht anders, wenn wir in Feuerbach oder in Heslach Unterricht hatten. Auf der Heimfahrt im Bus schlief ich dann fest ein, so müde war ich.

Wieder wurde ein neues Kaufhaus eröffnet: die einstöckige Kaufhalle Ecke König-/Schulstraße. Staunend gingen wir an den vollen Verkaufstischen vorbei, es gab aber auch alles, das man sich viele Jahre nicht vorstellen können: alles zum Anziehen, schöne Unterwäsche, Nachtwache, nur wir hatten eben kein Geld. Ein verlockender Bratwurstduft zog durch die ganze Kaufhalle: an der Rückseite gab es einen großen Stand, an dem Riesenbratwürste und Bockwurst gegrillt wurden, eine Köstlichkeit, die es während und nach dem Krieg nicht gegeben hatte. Ganz selten, aber manchmal doch konnten wir die 50 Pfennig aufbringen und aßen dann mit Hochgenuss eine Riesenbratwurst.

Überall in der Stadt sahen wir die Roten und Grünen Radier, kleine Dreiradlaster, durch die Stadt flitzen wie Ameisen, die alles transportierten, was zu Reparatur und Wiederaufbau in der Stadt gebraucht wurde. Sie waren auf zwei Ruinengrundstücken an der Rotebühlstraße stationiert und fuhren morgens los, wenn wir zur Schule wanderten.

Zum Abschluss der Schule machten wir noch einen Ausflug auf den Trümmerberg der Stadt, den Birkenkopf. Still wanderten wir den Weg hoch. An der Stimmung war zu spüren, dass alle daran dachten, wie viel Verzweiflung, Schmerz und Tod zwischen diesen Steinen erlebt worden war.

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Kommentare

von Kurt Winter, am 27.12.2008 23:20 Uhr

Anmerkung : Den Paternoster in der Markthalle gibt es wahrscheinlich noch heute. Jedenfalls besuchte ich vor ca. 4 od. 5 Jahren die Markthalle mit meinem Enkel und ließ es mir nicht nehmen in den behördlichen Teil zu treten um mit dem Enkel Paternoster zu fahren. Ebenfalls in einem Kaufhaus an der Königstr. nahe am Hbf. da läuft auch noch einer. Vor einigen Jahren war dieser auch noch für Kunden frei zugänglich - heute leider nur noch für`s Peronal. So ein Ding gab es auch früher im AOK Hauptgebäude.

Weiter: Die 3-Rad Lasterchen der roten u. grünen Radler waren alle samt von der Marke Goliath Bremen ( ehemalige Borgwardgruppe ) Typ Goli. Eine Fensterbaufirma mit Sitz in Feuerbach übernahm Ende der 70er Jahre die ganze Flotte an Golis von den roten Radlern - aber Anfang der 80er waren die putzigen Dinger dann plötzlich ganz aus Stuttgart verschwunden. Die besagte Fensterbaufirma hat Ihren Sitz, glaube ich, jetzt in Stuttgart Hedelfingen. M.f.G.



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