Die Geschichtswerkstatt von Stuttgarter Zeitung und Stadtarchiv
Startseite
Werden Sie Chronist
Themen
Orte
Zeiten
 

Erinnerung an die "Kristallnacht"

Eingestellt von

Erika Gültlinger
Erika Gültlinger
am 25.11.2008

Zugeordnetes Thema

(nicht angegeben)



Anmelden


Möchten Sie auch Bilder beitragen oder Ihre Erinnerungen zu einem Thema aufschreiben? Hier geben wir Ihnen alle Informationen, wie „Von Zeit zu Zeit“ funktioniert.


Ort

Hospitalstraße, Stuttgart

Dieser Bericht ist folgendem Album zugewiesen:


Zeitzeugenbericht

Von 1931 - 1937 besuchte ich das Mädchengymnasium "St. Agnes" in der Gymnasiumstraße. Mein täglicher Schulweg führte mich durch die Hospitalstraße, vorbei an der Synagoge und der "Judenschule". Auf dem Heimweg blieben wir (Klasenkameradinnen und ich) meist neugierig vor der Synagoge stehen. Gerne hätten wir das Gotteshaus und die Schule von innen gesehen, doch wir trauten uns nicht. Zwei Mitschülerinnen waren Jüdinnen, denen zum Glück rechtzeitig die Flucht nach Amerika gelang.

Nach Schulabschluss musste ich das sogenannte Pflichtjahr
absolvieren als Hilfe im Haushalt, andere wurden zum RAD
eingezogen. Im November 1938 hörte ich unterwegs, dass die
Synagoge brenne in der Hospitalstraße. Ich begab mich dorthin.
Das schöne Gebäude brannte lichterloh. Eine fast schweigende
Menschenmenge hatte sich dort angesammelt, von Feuerwehr war keine Spur, nur von der nahen Königstraße hörte man Lärm und das Spittern von Glas. Traurig eilte ich nach Hause, ein
Stück Erinnerung ging hier in Flammen auf.

Am nächsten Tag erfuhr man, wie die SA gehaust hatte, jüdische Geschäfte, u.a. die Kaufhäuser Schocken und Tietz sowie Wohnungen und Villen, waren geplündert worden. Der NS-Kurier (alle anderen Zeitungen waren verboten worden) stellte das als eine natürliche Folge des gerechten Volkszornes über die Jüdische Ausbeutung dar, dabei erfreuten sich gerade diese Geschäfte wegen ihrer volkstümlichen Preise großer Beliebtheit.

Ich kenne niemand in unserem Bekanntenkreis, der diese Ausschreitungen gut geheißen hätte. Ich glaube, die Stuttgarter (die echten) haben sich immer eine gewisse Skepsis bewahrt, und es ging die Sage, Hitler habe die Stadt gehasst.

----------

Zeitzeugenbericht von Erika Gültlinger. Sie hat von 1921 bis 1945 in der Fangelbachstraße gewohnt.

Dieser Bericht interessiert 4 Chronisten



Zeitliche Einordnung


Kommentare

von Gusti Schäfer, am 25.11.2008 17:38 Uhr

Danke für diesen einfühlsamen Bericht!

Mit lieben Grüßen
Gusti Schäfer



Stuttgarter Zeitung
 
 
von Zeit zu Zeit