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Der Marienplatz

Eingestellt von

Ruth Bertsch
Ruth Bertsch
am 13.11.2008

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Ort

Marienplatz, Stuttgart

Zeitzeugenbericht

Mein Großvater, Eugen Henninger hatte ein Malergeschäft und damit wohl gut verdient, nach den damaligen neuesten baulichen Erkenntnissen wollte er ein großes Wohnhaus erbauen lassen. Das war wohl in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Leider kann ich niemand mehr nach den genauen Daten zu fragen. Alle „Ahnen“ sind verstorben. Aber ich denke, das kann man über das Stadtbauamt herausbekommen. Die Zeichnung ist wohl eine Architektenzeichnung, wie man diese damals dem Bauherrn gab. Es ist wohl eine Idealvorstellung, denn außen war der Kaiserbau nie bemalt. Es gibt noch ein Glasbild (Guckkasten) wo im Negativ die Arbeiter die Armierungseisen bearbeiten. Leider sind die vielen andern Glasbilder im Krieg wohl nicht sehr achtsam behandelt worden. Ein kleiner Rest ist noch in meiner Hand. Es gibt noch eines, wo mein Großvater mit meiner Mutter, diese ca. 5 Jahre, vor dem Pavillon der auf dem Marienplatz stand (ähnlich wie der Musikpavillon auf dem Schlossplatz). Der Bau wurde fertig gestellt und war ein Riesenbauwerk mit vielen Wohnungen in allen Größen und Geschäften, einem Café. Die Großeltern hatten eine Wohnung im 3. Stock in der Richtung zur Tübinger Straße und eben auch Richtung Marienplatz. Mein Großvater starb 1932/33 und lebte mit seiner Frau an der Gaisseich im privaten Haus. Meine Großmutter zog als sie alleine lebte in den Kaiserbau. Meine Erinnerungen gehen noch gut in diese Zeiten zurück. Im Hinterhaus war eine Kolbenfabrik bis zum 2. Weltkrieg und länger und die Malerwerkstatt mit dem Nachfolger des Großvaters. 1936 o.ä. wurde der neue Zahnradbahnhof erbaut. Er war wohl damals die Neuheit. Der Platz war ein großer „Garten“. Bei Besuchen konnten wir alles beobachten. Das Fischgeschäft im Zahnradbahnhof, die Linie 3 und die anderen Straßenbahnen. Die Linie 1 fuhr damals schon nach Vaihingen. Meine Eltern mussten Stuttgart 1937 verlassen und wir kamen erst 1942 wieder zurück. In einer Aktion der Stadt, konnten Familien die großen Wohnungen der Eltern übernehmen und bekamen dafür dann kleine 2-3 Zimmer Wohnungen. So wars bei uns auch. Die Oma wurde in die Wernlinstraße beim Hölderlinplatz umgezogen. 1942 begannen die Bombenangriffe auf Stuttgart. (Hauptbahnhof) usw. Der Kaiserbau hatte einen „bombensicheren Luftschutzkeller“. Viele Tag- und Nachstunden verbrachten wir dort. Auch wurde der Bau mehrmals von Brandbomben und an der Hauptstätter Str. von einer Sprengbombe getroffen. Die zerstörten Fenster wurden mit Holz vernagelt. Sicher alles in Ihren Berichten nachzulesen. Der Fotograf H. Kilian hatte nach dem Krieg ein Buch herausgegeben mit dem zerstören Stuttgart. Immer wieder muss ich dieses Buch anschauen. QuAdriga Verlag 1984 unter der Mitwirkung von Otl Aicher und Peter Lahnstein.
Inzwischen war der Marienplatz zum Bunker geworden und oben wuchsen in Schrebergärten Kartoffel und Tomaten. Auch dieser wurde von Bomben, wie eben rings um den Platz durch Bomben zerstört.

Marienplatz 2
Es gab Tote und Verletzte. Eigentlich war man ja als Kind sozusagen in der Kinderlandverschickung, aber man fand Mittel und Wege Ferien und freie Tage in Stuttgart bei den Eltern zu sein. Auch die Eltern mussten Stuttgart verlassen. Wir kamen wieder zurück aus Altensteig und mussten die Wohnung räumen, die Zeit im Kaiserbau war beendet. Es gibt da viele Erinnerungen an jede dieser Zeiten.
Nun ist das ja alles Geschichte, auch meine Familie war lange von Stuttgart weg und da ich alleine bin, mein Mann war Architekt, starb 1997. Wir haben uns hier in Stuttgart-Riedenberg eine Wohnung gebaut, und da lebe ich auch. Für meine Kinder ist das natürlich alles Geschichte. Sicher für Sie auch.
Ich habe die Blätter nun nocheinmal abgeschrieben, aber diese sind nicht mehr so spontan wie damals an Ihren Kollegen. Die Erinnerung jedoch lebt.
Sollten Sie noch Fragen haben, können Sie mich anrufen, ich bin allerdings oft weg, aber wenn Sie auf das Band sprechen rufe ich zurück.

Ruth Bertsch

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