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Tanzstunde um das Jahr 1950

Eingestellt von

Horst Schmid
Horst Schmid
am 06.11.2008

Zugeordnetes Thema

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Ort

West, Stuttgart

Zeitzeugenbericht

Wenn junge Gymnasiasten ein gewisses Alter erreichen, so fünfzehn oder sechzehn, dann verspüren sie einen unheimlichen Drang, nun einen Tanzkurs mitzumachen. Man geht in die „Tanzstunde“. Dieses gesellschaftliche Ereignis hat natürlich nicht nur das Ziel, einem die korrekten Tanzschritte zur jeweiligen Musik zu vermitteln. Nein, da steckte einiges mehr dahinter: Wir wollten, nachdem man uns selbst in der Schule mit „Sie“ anredete, vollends erwachsen werden, wozu die Beherrschung von Tanzkünsten – wie wir glaubten – unabdingbar war. Zum andern war dies nach der Konfirmation die erste und letzte organisierte Gelegenheit, mit dem weiblichen Geschlecht engere Kontakte zu knüpfen. Schließlich war das Dillmann damals noch eine reine Jungenschule. Das Thema „Tanzstunde“ füllte so manche Pause in der Schule; sicher haben die Lehrer des öfteren gemerkt, dass mit dem Klingeln der Schulglocke zum Stundenbeginn weniger Konzentration auf den Unterricht, als vielmehr angeregte Gedanken zu dem bevorstehenden Abenteuer „Tanzkurs“ in unseren Köpfen herumspukten. Der Erwartungshorizont war hoch, zu hoch, wie sich bald herausstellen sollte.

Unser Problem Nummer eins war zunächst die Frage, aus welcher Mädchenschule wir die „Schnecken“ für unser Vorhaben rekrutieren sollten. Schließlich konnten wir uns ja nicht mit irgend jemand in dieses folgenschwere Abenteuer stürzen. Der erste Vorstoß in eigener Regie schlug dann auch prompt fehl: Eine Abordnung der Klasse traf sich mit einer Mädchenklasse des Hölderlin-Gymnasiums. Doch fing da niemand Feuer, weil eben auf beiden Seiten der zündende Funke fehlte. In der anschließend bei uns Jungen ausgegebenen Sprachregelung war allerdings lediglich von „figürlich“ und „gesichtlich“ die Erwartungen nicht erfüllenden potentiellen Partnerinnen die Rede. Der zweite Anlauf fand nun durch die Vermittlung der inzwischen ausgewählten Tanzschule statt. Diesmal war die Mörikeschule dran, und die ebenfalls tanzstundenbegierigen „Damen“ fanden Gnade in unseren kritischen Augen.

Die erste Übungsstunde mit den Partnerinnen zusammen war ein aufregendes Ereignis für uns, eine Mischung aus Neugierde, Scheu und Verklemmtheit. Endlich durften nun alle die von unserem Vorkommando an Land gezogenen „Schnecken“ sehen, und alle „Damen“ waren erstmals mit allen „Herren“ konfrontiert. Aus unserer Sicht stellte das Kontingent aus der Mörikeschule einen gesunden Querschnitt durch die Mädchenwelt jener Altersstufe dar: Schöne und weniger schöne, große und kleine, dicke und dünne, sympathische und weniger sympathische. Es war klar, dass dieser repräsentative Querschnitt in gewissem Sinn einen „Dauerkonfliktgenerator“ darstellte, der während der gesamten Zeit des Tanzkurses in Tätigkeit war. Es gab nämlich einen stetigen Wettkampf unter uns, um die schönsten und besten Tänzerinnen, um die eine oder andere als Freundin und schließlich um die richtige Partnerin für den Abschlussball.

Nachdem also die Zurückhaltung der ersten Begegnung überwunden war und man uns gezeigt hatte, wie wir unsere „Damen“ zum Tanz aufzufordern hatten, ging zuerst der Wettlauf nach einer möglichst akzeptablen Tanzpartnerin los, dann das Geschiebe und Gestolpere auf dem Parkett: „Eins, zwei, Wechselschritt!“ Der ältere Herr am Klavier bemühte sich tapfer, genau so holprig auf die Tasten zu hauen, wie wir uns auf der Tanzfläche bewegten. Vielleicht spielte er auch sonst nicht besser, wer weiß? Die Tanzlehrerin brachte Schwung in die Bude. Man merkte ihr an, dass sie um einiges mehr Routine hatte, als wir Jungen und Mädchen zusammen. Der letzte Tanz des Abends war dann insofern der wichtigste, als er definitiv über die Schicksalsfrage entschied, welcher „Herr“ nun welche „Dame“ nach Hause begleiten durfte oder, je nachdem, auch musste. Da ich weder zu den Schnellsten noch zu den Forschesten zählte, blieb mir in der Regel nur die Auswahl etwas unterhalb des Durchschnitts. Am ersten Abend brachte ich die etwas rundliche Ruthliese an ihre Haustüre. Unerfahren im Umgang mit Frauen, wie ich war, glaubte ich, mit ihr ganz gut im Rennen zu liegen. Prompt gab ich anderntags bei der Manöverbesprechung in der Pause meinen Kameraden zu Protokoll. „Wenn mir die bis zum Schlußball bleibt, will ich froh sein.“ Diesen vorschnellen Satz hätte ich besser für mich behalten. Er machte mich zum Gespött der ganzen Klasse und wurde mir fortan bei jeder Gelegenheit aufgetischt. Dies tat mir besonders weh, weil ich bald selber gemerkt hatte, dass die besagte Ruthliese zwar kein Mauerblümchen, aber auch kein ausgesprochener „Renner“ war.

So plätscherte der Tanzkurs ohne Höhepunkte dahin, für mich wenigstens. Die „tollen Frauen“ waren ziemlich rasch an die erfahreneren Kollegen vergeben. So wie der Konfirmationszug in Sachen „Freundin“ ohne mich abgefahren war, würde ich nun wohl auch den Tanzstundenzug verpassen. Diesmal jedoch in eigener Entscheidung. Obwohl ich nicht gänzlich unmusikalisch bin, hatte ich trotzdem mit den Tanzschritten so meine Probleme, vor allem mit fortschreitendem Schwierigkeitsgrad bei Walzer, Tango und ähnlichen ausgefallenen Rhythmen, die mit „eins, zwei, Wechselschritt“ nicht mehr zu beherrschen waren. Hinzu kam, daß ich zu den regelmäßig stattfindenden Hausbällen meist nicht eingeladen wurde. Das hatte mehrere Gründe: Einmal konnte ich aufgrund unserer häuslichen Verhältnisse die Einladungen nicht erwidern, zu andern gehörte ich weder zu den Partylöwen, noch zu den Stimmungskanonen. Im übrigen hatten sich bereits Paare zusammengefunden, eine Entwicklung an der ich mit einigen anderen in der Klasse nicht teilhatte. Einmal feierten wir im Café Lenzhalde einen Zwischenball. Dabei waren mir ein paar unterhaltende Einlagen wichtiger, als ausgiebig das Tanzbein zu schwingen. Der Wolfgang und ich brachten eine selbstgezimmerte Rundfunkreportage. Ein Radiogerät stand dazu auf einem Tisch, unter dem wir beide hinter bis auf den Boden reichenden Tischtüchern saßen und unsere Sprüche in ein Mikrofon sprachen. Leider mussten wir die Sendung wegen spontaner, unkontrollierbarer Lachkrämpfe, nicht der Zuhörer, sondern unsrerseits, einige Male unterbrechen. Das war eine durchaus harmlose Veranstaltung.

Ausgesprochen feuchtfröhlich ging es aber einmal bei einer Zusammenkunft im „Schönsten Wiesengrund“ zu. Ich glaube, sie fand aus irgendeinem Grund ohne die "Schnecken" statt. Einer hatte ein paar Flaschen Schnaps mitgebracht, die verstohlen herumgereicht wurden. Schon damals hatten wir einige in unseren Reihen, die mehr als "Gelegenheitssäufer" waren und die anderen animierten. So ging es auch einer Gruppe von vier oder fünf Kumpels, die an jenem Nachmittag noch blieben, als ich mich mit den meisten anderen zurückzog. Wie wir am andern Tag in der Klasse vernahmen, wußten einige nicht mehr, wie sie vom Feuerbacher Tal auf die Doggenburg gekommen waren. Es war Winterszeit, und einer legte sich in den Schnee und wollte partout nicht mehr weiter. Wenn ihn die andern nicht mit Gewalt mitgeschleppt hätten, wäre er wohl dort erfroren. Die Krönung des Ganzen sollen aber ein paar unsittliche Anträge gewesen sein, die angeblich einer der Alkoholisierten an der Doggenburg einigen Nonnen gemacht hat.

Dies alles konnte jedoch meine Begeisterung für die Tanzstunde kaum erhöhen. So kam es schließlich, wie es kommen mußte: Ich beendete so recht und schlecht den Kurs, weigerte mich aber standhaft, an dem im Mai 1947 stattfindenden Abschlußball teilzunehmen.
Diese Entscheidung entsprach sicher nicht den Formen des guten Benehmens, wie man sie uns anstelle von "Diener" und "Knicks" aus unserer Kinderzeit in der Tanzschule nahegebracht hatte. Doch hatte ich die schon erwähnten allgemeinen Grunde, hinzu kamen Kleidungs- und Finanzprobleme. Meine Eltern wären als Nichttänzer ohnedies nicht mit mir zu dem Ball gegangen.

Das war also der Verlauf meiner Tanzstunde, der schließlich die weitreichende Folge hatte, dass ich zeitlebens ein mittelmäßiger bis schlechter Tänzer blieb. Einige der Klassenkameraden hatten mit den „Damen“ der Tanzstunde mehr Glück als ich. Die eine oder andere Freundschaft dauerte über den Schlußball hinaus an. Doch im Laufe der Zeit zogen sich die meisten wieder in ihre eigenen Kreise zurück. Lediglich für einen Kameraden hat sich Tanzstunde besonders gelohnt, er hat später zwar nicht seine Schlußballpartnerin aber doch ein Mädchen aus jenem Kreis geheiratet.



Diese Passage ist ein Auszug aus dem Buch von Horst Schmid: "Jahrgang '29. Jugendzeit in drei Epochen". Das Buch ist mittlerweile vergriffen; drei weitere Auszüge sind in dieser Geschichtswerkstatt zu lesen.

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