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Grundschulzeit an der Rosenbergschule in den 30er Jahren

Eingestellt von

Horst Schmid
Horst Schmid
am 06.11.2008

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Zeitzeugenbericht

Im Frühjahr 1936 kam dann das nächste einschneidende Ereignis auf mich zu: Der Schulbeginn. Für unsere Gegend kamen nur die neuere Falkert- und die etwas ältere Rosenbergschule in Frage. In meinem Fall sollte es die Rosenbergschule werden, eine Aussicht, die mir zunächst gar nicht schmecken wollte. Doch bald merkte ich, dass dies eher ein Glücksfall war. Wir bekamen nämlich einen Lehrer, der uns die ganzen vier Grundschuljahre begleiten und in fast allen Fächern unterrichten sollte. Er hieß Rudolf Anger, hatte eine ruhige, geduldige Art und ließ sich nur selten, aber dann um so heftiger, zu emotionalen Aufwallungen hinreißen. Diese entluden sich dann in der Regel als "Tatzen" oder sogenannte "Hosenspannes" mit dem Meerrohr.

"Herr Anger ist wie ein Vater zu uns", pflegte ich mehr als einmal meiner Mutter zu berichten. Tatsächlich war er mit viel menschlicher Wärme um jeden von uns jungen Knäblein bemüht. Ihm hatte ich es zum Beispiel auch zu verdanken, dass ich an der Pausenspeisung für sozial Schwache mit einer Tasse Kakao und einem halben Doppelwecken im Untergeschoß der Schule teilnehmen konnte, obwohl meine Eltern eigentlich nicht zu dem Kreis der sogenannten Minderbemittelten zählten.

In der Klasse waren Buben aus allen Schichten: ein Professoren¬sohn aus dem Stuttgarter Norden, ein Lehrersohn und mancher Mittelstand aus dem Westen. Es war auch ein Bub aus einer ganz armen Familie dabei. Manchmal kam er barfuß zur Schule. Außerdem hatte er das Pech, ausgesprochen lernschwach zu sein, ja er konnte nicht einmal richtig sprechen. Nach kurzer Zeit hat er uns wieder verlas¬sen, um eine Hilfsschule zu besuchen. Erst kürzlich sagte mir ein Klassenkamerad von früher, der Pius sei ein Zigeuner gewesen und von den Nationalsozialisten später umgebracht worden.

Unser Herr Anger hatte mehrere Steckenpferde. Eines davon war die Musik. Immerhin brachte er es fertig, die Klasse schon nach eineinhalb Jahren in einen 4stimmigen Flötenchor umzufunktionieren, wobei er selber mit einer unförmigen Baritonflöte noch die 5. Stimme daruntersetzte. Wir flöteten damals recht gut und durften deshalb nicht nur bei Elternabenden konzertieren, sondern selbst im gegenüber gelegenen Wilhelms-Hospital die Kranken erfreuen. Dabei erinnere ich mich noch sehr genau daran, wie ein Patient, ein Kunstfotograf, sich mit einem Stapel seiner Postkarten revanchierte, die er später in die Klasse schickte und von denen jeder stolz ein halbes Dutzend in Empfang nehmen durfte. Das war etwas ganz Besonderes für uns, weil wir eben damals noch nicht in einer Überflussgesellschaft lebten. Doch hatte unser Lehrer noch andere Faibles. Er liebte es, die Klasse im Halbkreis um sein Pult stehend zu versammeln und eine Art Erzählstunde abzuhalten. Zu welchen Fächern diese genau gehörten, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Damals nahm man es eh' mit diesen Dingen noch nicht so genau. Es gab ja schließlich auch noch keine Elternbeiräte. Er sprach über Gott und die Welt, über eigene Erlebnisse aus dem 1. Weltkrieg und vieles andere mehr. Mit seinen Erzählungen fesselte er uns so, daß uns selbst das oft längere Stehen nicht zuviel wurde.

Natürlich sprach er auch viel über den Führer, auf den er in seiner Begeisterung wohl sogar ein Gedicht gemacht hatte. So diktierte er uns zu jener Zeit in unser Sonderheft:

"Lehr 'mich!
Lehr' mich mit deinem Munde reden,
lehr' mich mit deinen Augen seh'n!
Lehr' mich im Glücke wie in Nöten
auf Deutschland, nur auf Deutschland seh'n!
Du warfst, als du es sahst im Sterben
dich seinem Schicksal in den Weg.
Du schufst aus Trümmern und aus Scherben
ein Volk mit deines Geists Gepräg.
Lehr' mich die Wurzeln einzusenken im Volke ohne Rast und Ruh'n!
Lehr' mich, wie du denkst, denken, lehr' du mich deine Taten tun."

Heute würde man diese Art systematischer Beeinflussung ohne Umschweife als "Gehirnwäsche" bezeichnen. Andererseits muss man sich fragen, wie sich ein intelligenter, erwachsener Mann in eine derartige religiös-fanatische Ergebenheit dem Führer gegenüber hineinsteigern konnte.

Eines Tages kam dann eine unerwartete Unterbrechung in unseren Schulalltag. Es passierte etwas Furchtbares: Ein Klassenkamerad fiel während eines dieser "Stehkonvente" um das Katheder in Ohnmacht und holte sich dabei eine stark blutende Platzwunde an der Schläfe. Das war Herrn Anger natürlich gar nicht recht, und er konnte sich erst wieder beruhigen, als der gute Hans-Karl ins nahe Hospital über die Straße gebracht war, wo man seine Wunde nähte. Auch für uns kleine Buben war der Vorfall natürlich etwas ganz Außergewöhnliches, weil Ohnmacht, Sturz und Blutlache live im Klassenzimmer eben nicht jeden Tag vorkamen.

Wer nun glaubte, dass von nun an der "Ständerling" um das Lehrerpult der Vergangenheit angehörte, täuschte sich. Herr Anger konnte seine liebe Gewohnheit nicht aufgeben, lediglich durften einige empfindliche Schüler sich auf die Tischfläche der vordersten Schulbänke setzen. Diese Schulbänke für jeweils zwei Schüler waren übrigens noch von der alten Machart. Tisch und Bank an einem Stück, links und rechts ein Haken für den damals üblichen Lederschulranzen, in der Tischfläche eine Öffnung mit Klappe. Darin steckte das Tintenfassß. Schließlich waren Füllfederhalter noch nicht populär und für ABC-Schützen auch gar nicht zugelassen. Die Bänke waren auf einer Schiene so verankert, dass man sie zur Fußbodenreinigung nach einer Seite hochklappen konnte. Als wir eines Tages das Klassenzimmer in diesem aufgerichteten Zustand sahen, staunten wir nicht wenig, und es war uns plötzlich auch klar, warum die Tintenfässer jene auslaufsichere, nach einer Seite hin bauchige Form hatten.

Mit mäßigem Erstaunen dürften wir Schützlinge des Herrn Anger eines Tages registriert haben, dass er in SA- bzw. Parteiuniform auftrat. Er musste damals wohl zu irgendeiner Veranstaltung gehen und hielt zuvor aber noch seinen Unterricht bei uns ab. Wir konnten nichts Anstößiges daran finden. Auch gehe ich davon aus, dass unser Lehrer an der in jene Zeit fallenden "Reichskristallnacht" nicht beteiligt war. Die rücksichtslose Zerstörung jüdischer Geschäfte passte keinesfalls in das Charakterbild dieses Mannes. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie wir an jenem Tag im November 1938 nach der Schule ans Bollwerk hinübergingen, wo ein demolierter, von auf den Scherben herumtretenden SA-Leuten bewachter jüdischer Laden zu sehen war. Auch die abgebrannte Synagoge in der Hospitalstraße wurde im Laufe der folgenden Tage besichtigt. Diese Art der Gewaltanwendung wurde von uns Kindern und bestimmt auch von zahlreichen Erwachsenen mit einem unguten Gefühl im Unterbewusstsein zur Kenntnis genommen. Ich kann mich nicht erinnern, ob Herr Anger uns dazu etwas zu sagen hatte. Auf jeden Fall war die Hetze gegen die Juden schon soweit fortgeschritten, dass wohl viele dieses brutale Vorgehen als zwangsläufig angesehen haben.

Welche Rolle die nationalsozialistische Politik und Indoktrination in dem wieder erwachenden Deutschen Reich spielte, lässt sich aus meinen Schulaufsätzen aus der Grundschulzeit entnehmen, deren Originalsammlung sich noch in meinem Besitz befindet. Während sich die Themen in den ersten beiden Jahren noch mit Schilderungen von Ausflügen, Beschreibungen von Pflanzen und Tieren befaßten, wurden sie in den nächsten Jahren immer politischer. So schrieb ich am 11. November 1938, also wenige Tage nach den unheilvollen Ju-denprogromen in mein Aufsatzheft:

"SA und SS sammelt!
Am Samstag und Sonntag war erste Straßensammlung des Winter¬hilfswerks. SA und SS sammelte, man bekam um zwanzig Pfennig ein Trachtenabzeichen aus Österreich. Die Sammler standen an den Straßenecken und sagten zu den Leuten, ob sie keine Abzeichen kaufen. Wißt ihr auch, warum sie jeden Winter sammeln? Ihr wißt doch, daß es in Deutschland so viele arme Leute gibt, die für den Winter keine Kohlen und ßr die Kinder keine Weihnachtsgeschenke kaufen können. Für diese wird gesammelt.
Die Kleidersammlung war letzte Woche. Da kam die Wehrmacht mit ihren Wagen durch die Straßen gefahren. Und einer, der Hornist nahm seine Trompete und blies: Trara! Trara! Trara! Dann schauten die Leute zum Fenster heraus und brachten ihre alten, überflüssigen Kleider zum Wagen. Die Kleidersammlung ist für diese Leute, die keine Kleider für den Winter kaufen können! Die NSKK machte Propagandafahrten durch Stuttgart. Mit fahnengeschmückten Autos fuhren sie los. Als ich von einem Ausflug heimkam, sah ich am Hindenburgbau einen Lautsprecherwagen und viele Leute, auch NSKK darunter. Ich fragte meinen Vater, was da ist. Er sagte: 'Da wird gesammelt!' Die anderen Leute sagten es auch. In der Mitte stand ein Auto, auf dem war ein viereckiger Block. Darauf war mit großen Buchstaben geschrieben: „Wir danken dem Führer für den Frieden. Helft nur auch feste mit, so will es der Führer!“

Doch es kam noch dicker. So schrieb ich am 21. April 1939 in mehr oder weniger sauberer Sütterlinschrift:

"Des deutschen Volkes Jubeltag.
Gestern hatte unser Führer seinen 50. Geburtstag. Die ganze Stadt war mit Fahnen und Girlanden geschmückt. In den Schaufenstern der Geschäfte sah man Führerbilder. Auf dem Wasen fand eine Ehrenparade statt. Adolf Hitler bekam von Dr. Goebbels einige Bücher zum Geburtstag. Aber was können wir unserem Führer zum Geburtstag schenken? Wir können ihm nur das schenken, dass wir eine einige und starke Jugend werden, die ihr Leben gern für Deutschland gibt. Am Abend wurde die ganze Stadt mit roten Lämpchen beleuchtet. Ein langer Fackelzug zog durch die Stadt. Es war ein schöner Tag."


Diese Passage ist ein Auszug aus dem Buch von Horst Schmid: "Jahrgang '29. Jugendzeit in drei Epochen". Das Buch ist mittlerweile vergriffen; drei weitere Auszüge sind in dieser Geschichtswerkstatt zu lesen.

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