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Lehre als KfZ-Handwerker im Jahr 1951

Eingestellt von

Wolfgang Müller
Wolfgang Müller
am 04.11.2008

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Stuttgart



Zeitzeugenbericht

Am ersten Oktober begann ich bei der Stadt Stuttgart meine Lehre als Kraftfahrzeughandwerker. Wir sechs Lehrlinge, Almer, Dittus, Gohl, Hettich, Müller, Zuleg, mussten morgens immer pünktlich um halb acht vor dem Meisterbüro antreten. Zusammen mit den anderen 18 Lehrlingen wurde man aufgerufen und musste mit einem lauten, deutlichen, „hier“ antworten. Nun kam eine harte Zeit. In der Lehrwerkstatt musste ich sechs Monate Arbeitsproben feilen und wöchentlich einen Arbeitsbericht mit einer Zeichnung anfertigen. Die Berichte wurden vom Meister eingesammelt und kontrolliert. Wenn man einen groben Fehler machte, erhielt man vom Meister eine Ohrpfeife (einen kräftigen Schlag auf die Backe).

Jede Woche war ein Tag Gewerbeschule und jede zweite Woche noch ein Tag praktischer Unterricht in der Schulwerkstatt. In unserer Lehrwerkstatt standen auch alle Maschinen, welche man benötigte, um Ersatzteile anzufertigen. An der Decke hing eine Transmission, eine Welle mit vielen Antriebsscheiben, mit welchen die Maschinen angetrieben wurden. Ein starker Motor trieb die Transmission an, an der alle Werkzeugmaschinen angeschlossen waren. Ein Sattler, der nur für die Erhaltung der Riemen zuständig war, wurde auch beschäftigt, ebenso ein Wagner, da manche Aufbauten aus Holz bestanden. Beim Fuhramt, so hieß unser Betrieb, waren ca. 400 Autos aller Art, von der Kehrmaschine, über Müll-, Leichenwagen, LKW, PKW, Feuerwehrfahrzeuge und viele Sonderfahrzeuge zu betreuen. Ein Liter Benzin kostete 60 Pf, das war ein halber bis dreiviertel Stundenlohn und würde heute etwa vier Euro entsprechen. An der Tankstelle wurde der Sprit über ein Fünfliterglas von Hand gepumpt.

Von der Elektrowerkstatt, über den Motorenbau, Schmiede, Schlosserei, Reifenwerkstatt war alles vorhanden. Jeden Freitag erhielt ich 10 DM Ausbildungsgeld. Da ich aus Oberschwaben kam, sprach ich auch diesen Dialekt. Die anderen Lehrlinge haben meine Sprache immer nachgeäfft, was mich sehr ärgerte. Die Lehrlinge hatten einen eigenen Waschraum und als mich dann ein älterer Lehrling (Riedl aus Echterdingen) wieder verspottete, nahm ich ihn in den Schwitzkasten und zwängte ihn in den Waschtrog, machte die Wasserhähne auf und tauchte ihn unter. Von da an hatte ich meine Ruhe und die andern hatten einen gehörigen Respekt vor mir.

Unsere Arbeitszeit war von Montag bis Samstag, 12 Uhr. Ich war froh, dass ich bei der Stadt war, die anderen Lehrlinge mussten oft bis spät in die Nacht arbeiten. Jeden Montagabend ging ich um 18 Uhr ins Amerika Haus in der Charlottenstraße. Dieter Zimmerle, ein in Deutschland bekannter Jazz Journalist und Herausgeber der Zeitschrift, Jazz Podium, hielt dort Vorträge über Jazz und spielte anhand von Schallplatten Beispiele ein. Dort wurde auch der Stuttgarter Jazzclub gegründet, derer erster Vorsitzender Dieter Zimmerle wurde. Er wurde Moderator der ersten Jazz Sendung bei Radio Stuttgart.

(...)

In meinem Lehrberuf musste ich ganz schön schuften. Meine Hände waren voll von Blasen und Schwielen, aber im Laufe der Zeit hat man sich daran gewöhnt. Samstagnachmittags ging ich mit Manfred in die Stadt, kauften eine Blockschokolade und bei der Molkerei Kuhn ein Glas Milch. Dies empfanden wir dann als großen Luxus. Ab und zu ging ich auch ins Kino, sah einen schönen deutschen Heimatfilm an z.B. Die Geier Wally, Grün ist die Heide, der Entritt kostete 80 Pf. Die 10 DM Lohn, die ich bekam, durfte ich behalten, musste jedoch meinen Klarinettenunterricht und meine Wäsche selbst bezahlen.


(Anmerkung der Redaktion: Dieser Zeitzeugenbericht ist ein Auszug aus "Kindheitserinnerungen 1940 bis 1955" von Wolfgang Müller. Herr Müller hat diese Erinnerungen für seine Familie drucken lassen und ein Exemplar der StZ-Geschichtswerkstatt überlassen.)

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