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Ein Gedicht über den großen Luftangriff im Oktober 1943

Eingestellt von

Margarete Haug
Margarete Haug
am 29.10.2008

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Dieser Bericht ist folgendem Album zugewiesen:


Zeitzeugenbericht

Heute schicke ich Ihnen ein Gedicht zu, von dem mich die ersten drei Strophen ganz besonders beeindruckt haben.
Die Dichterin Maria Kissner (1887-1966) ist leider so gut wie vergessen. Im Jahr 2006 habe ich vieles über ihr Leben und Werk zusammengetragen und auch hier am Ort (Bad Boll) dreimal einen Vortrag gehalten. Im Deutschen Schriftgut-Archiv in Marbach liegen einige Gedichte von ihr, die sie vermutlich selbst dorthin geschickt hat. Bei Herrn Wieland im Schriftgut-Archiv Ostwürttemberg in Heubach-Lautern ist auch einiges an Material über die Dichterin Maria Kissner zu finden.

Das Gedicht von Maria Kissner beschreibt einen Luftangriff auf Stuttgart im Oktober 1943.


Es klagt die Stadt

Es klagt die Stadt mit dem entstellten Antlitz
Um jene Würde, die ihr eigen war,
Und um den schönen Ausdruck ihres Wesens,
den aufgebaut so manche hundert Jahr.

Ein jeder Baum klagt mit verkohltem Stumpfe
Und jedes Haus mit starrem Schuttgestein,
Mit leeren Mauerrahmen, Eisenrumpfe
Und ladet schmerzlich zur Besinnung ein:

Es klaget um die Vielen, die gefallen –
Es klaget um die Vielen, die verbrannt,
Die um die toten Trümmer weinend wallen
Zum Erdensinne, den uns Gott gesandt.

Ändert den Sinn, sonst siechet so die Erde,
Alles, was ist, die arme Kreatur –
Seht ihr sehnsuchtsvolle Bittgebärde
Und rettet vor Zerstörung die Natur!

Da ist nicht einer, den wir schuldlos sprechen –
O tuet Buße, ändert euren Sinn,
Eh alle Bauten bald zusammenbrechen,
Und pilgert zu dem Sinn der Erde hin!

Und lasset euch die wahre Weisheit sagen,
Und nehmt das Wesen wahrer Liebe auf,
Und höret auf der stummen Schöpfung Klagen,
Und lasset euch taufen mit des Geistes Tauf!


Maria Kissner
Geb. am 3. Juli 1887 in Königsberg
Gest. am 4. Februar 1966 in Schussenried

Die Dichterin und Mahnerin lebte von 1940 bis 1966 in Bad Boll.

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