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Kindheit in der Königstraße in den 80er Jahren

Eingestellt von

Michael Schmidt
Michael Schmidt
am 28.10.2008



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Ort

Königstr, 70173 Stuttgart

Zeitzeugenbericht

Irgendwann war’s dem Vater zu bunt. Er kam, sah – und schnappte mich. Ich war beleidigt, gerade hatten doch die „Bots“ angefangen zu spielen, „Was wollen wir trinken, sieben Tage lang“, so schallte der Betroffenheitsdeutschrock über die geschätzten 100 000 Leute. Die Menschenmenge fasste den Schlossplatz nicht, die Friedensbewegten standen die Planie hinab bis zum Charlottenplatz, die Königstraße hinab, sie umstanden unser Haus. Königstraße 5.

Unten der McDonalds, in der Mitte die Bankbüros und Blut-und Bodenreliefs aus den dreißiger Jahren und oben unterm Dach die Wohnung des Hausmeisters und dort mein Kinderzimmer, das in stürmisch-pubertierenden Zeiten der achtziger Jahre eine ganz hübsche Rückzugsmöglichkeit im Trubel der Zeiten und der eigenen Gefühlsorientierungslosigkeit bot.

Vom Bett aus grüßte mich nachts der goldene Hirsch auf der Kuppel des Kunstgebäudes. Wenn ich aus meinem Dacherker blickte, schaute ich direkt auf den Stadtpark und ins Foyer des Landtags hinein. Und nur einmal im Jahr, an Heilig Abend, da war es so still, dass das fehlende Dauerrauschen der Konrad-Adenauer-Straße auffiel.

Dem Hausmeister der städtischen Sparkasse war die Lust seines Filius am frühjugendlichen Mitdemonstrieren bisweilen zuviel, mit 14 Jahren hat man nichts bei der Menschenkette und schon gar nicht bei den sommerlichen DGB-Großdemos zu suchen. Doch wenn die Tontechniker samstags gegen sechs einen markerschütternden Soundcheck über die Dächer der unteren Königstraße jagten, dass selbst das Geläut von Stiftskirche und St. Eberhard nicht mehr wahrzunehmen war, dann gab es kein Halten mehr. Wie gesagt, bei der Menschenkette spielte „Bots“. Der DGB hatte im Jahr zuvor schon wesentlich fetziger Geier Sturzflug auf die Bühne gebracht: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“. Eine Reaktion der Neuen Deutsche Welle auf jenen Politiker, der schon im Jahr 1981 die Wende verkündet hatte, und für dessen Regierungswechsel die Stuttgarter Zeitungen Sonderdrucke kostenlos vor dem Königsbau verteilten.

Der Königsbau war für mich insofern interessant, als dass es da den Buttonstand unter den Arkaden gab. Hier konnte man für 50 Pfennig einen passenden demonstrativen Ansteckknopf kaufen und für drei Mark eine Multonwindel, die mit indischer Batik und silbernen Fäden aufgehübscht worden war.
Bei der Wahl des Button verhielt ich mich dem Alter und meinen Interessen entsprechend: Als gutes Mitglied der Konfirmantengruppe sowie der Jungenschaft der Stiftsgemeinde wählte ich einen Button mit Kreissymbol und Kreuz aus. Ich dachte, es wäre das „Weltkreuzsymbol“ der evangelischen Jugend und trug es stolz, das Kreuz nach oben an der Jeansjacke von Motorradzubehördiscounter Hein Gericke. Erst später fiel mir auf, dass diesen Button viele Frauen mit Kurzhaarschnitt trugen, das Kreuz nach unten, als Marke des Feminismus.

In der Bibelstunde, die dienstagabends in der herrlichen Kapelle des Alten Schlosses von dem damaligen Stiftspfarrer Konrad Eissler abgehalten wurde, fiel ich samt Button aber nicht auf. Wenn die Auslegung des Römerbriefes zu langwierig wurde, konnte man an den himmelblauen Deckenfresken der Schlosskapelle die goldenen Sternlein zählen.

Ein „Event“ waren diese Abende trotzdem, so wie der Sonntagmorgen in der Stiftskirche: Eine Bank auf der Empore gehörte uns Jungenschaftlern, eine Abteilung weiter – von schweren Säulen getrennt, saß der Mädchenkreis. Haufenweise Spaß hatten wir dennoch während und vor allem nach der Liturgie. Und nicht alles war „Fun“. Aber man wurde gezwungen, sich auseinanderzusetzen – und konnte sich reiben: An pietistisch konservativen Positionen, am genügsamen Lebensmodell der Eltern – oder an Deutschlehrern, die voller Engagement Böll oder Schnurre mit uns Realschülern diskutierten.

Mein Nachbarschaftshorizont war aber auch – oder wegen all dem – das Staatstheater. Im ersten Sommer, den ich 1982 in der Königstraße erlebte, wohnte eine aufregende 18-jährige Cousine mit bei uns unterm Dach. Wenn sie mit ihrem Praktikum im Architekturbüro fertig war, ging sie mit mir in die Stadt: Das Ensemble des Staatstheaters bespielte mit dem Sommernachtstraum den oberen Schlossgarten – und ich war hin und weg. Vom Spiel, von der Cousine, von dieser Stadt, deren steile Hänge vom Reitzenstein und dem Bubenbad hinab ins Tal flossen und wie behütende Schutzwälle meine Jugend einbetteten.

Nur ins Oz, DER Disko in der Kronprinzstraße, nahm mich die Cousine nie mit. Dabei wäre ich so gerne dabei gewesen. Angeblich war Annette Humpe nach dem Stuttgarter Konzert von „Ideal“ hier ebenso zu Gast wie die Jungs von Depeche Mode, welche anno 1983 aber nur Popper hörten, die in die Junge Union tendierten und nicht in die Jungenschaft. Auch solche Unterschiede macht den schwäbischen Pietismus aus.

Also blieb das Staatsschauspiel. Ivan Nagel hieß damals der Intendant und bespielte erstmals im ultramodernen „Kammertheater“ die gegenüberliegende neue Staatsgalerie. Sam Shepards „Liebestoll“ war 1986 mein Schlüsselstück mit einem unglaublich jungen explosiven Ulrich Tukur und einer zart-fragil spielenden Susanne Lothar – das Kammerstück des verzweifelt-verschlungenen Liebespaares, irgendwo da draußen in der US-Prärie traf mich mitten ins Herz. Ein Dramaturg namens Roland Haas (der später Leiter des Varietes sowie Stuttgarter Kulturamtschef wurde) reagierte auf meinen Einmarsch in sein Büro mit der Übergabe zahlreicher Plakate, Aufkleber und Spielhefte. Ich schaffte es sogar, meine Traumfrau aus derselben Klassenstufe mit in dieses Stück der Liebesirr- und Gefühlswirrungen zu schleppen. Ihre Hand während der Aufführung im dunklen Theatersaal zu greifen, das traute ich mich nicht. Nach der Vorstellung ging ich schweigend um die Staatsgalerie herum, bog in die Urbanstraße ein. Im dortigen Gemeindehaus der Stiftsgemeinde war gerade der Posaunenchor aus, mit den Kumpels spielte ich noch eine Runde Tischkicker.

Das Stuttgart der Achtziger ist kein schlechter Platz für Jugendliche gewesen, um eigene Grenzen zu überschreiten. Es war in diesem Jahr 1986, als mir Manfred Essers Ostendroman von einem Stuttgart der Drogen, der Traditionskommunisten in Ostheim, von Migranten und ganz vielen Gesichtern erzählte. Zwar spielte der Roman in den Siebzigern und statt der vielen Straßenbahnen fuhren jetzt nach und nach nur noch riesige Stadtbahnen. Doch ich wollte nicht mehr Tag für Tag mit der Strambe über die Weinsteige in die Schule. Ich konnte keine Lehrer mehr sehen. Für eine Lehre beim Daimler waren meine Noten zu schlecht.

Mannesmann im Hallschlag suchte dringend Lehrlinge. Hochdruckrohrschlosser hieß mein Ausbildungsziel. Ich lernte schweißen. Aber mehr noch, wie es ist, in einer Gruppe von wildgewordenen Heavy-Metall-Fans zu überleben. Der tagebuchschreibende CVJM-Bub trifft auf Mofadiebe aus Stuttgart-Hausen. Ich erhielt Einladungen, mich abends an einer Massenkeilerei gegen eine Gang aus Weilimdorf zu beteiligen. Als ich absagte, waren zum Feierabend meine Fahrradreifen zerstochen. Ein halbes Jahr später wurde ich zum Jugendvertreter in den Betriebsrat gewählt und machte meinen Motorradführerschein. Als Geselle arbeitete ich genau einen Tag lang. Dann begann der Zivildienst, die Mauer fiel, der achtziger Jahre waren zu Ende. Die 600er Enduro vom Suzuki-Hiller aus der Augustenstraße brachte einen weit, weit weg, von den behütenden Hängen des Kessels.

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Kommentare

von Ute Hillmer, am 12.11.2008 16:42 Uhr

Es waren wirklich bewegte Zeiten - und es ist schön zu sehen, dass die Jugend von heute vielleicht auch wieder politisch wird - Schülerprotest und jugendliche Atomblockaden lassen Hoffnung schimmern. Das Gefühl großer Träume und großer Ziele, die noch nicht von der Realität erstickt wurden... .



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