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Meine Kindheitserinnerungen

Eingestellt von

Peter Zimmer
Peter Zimmer
am 20.10.2008

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Stuttgart



Zeitzeugenbericht

Die Jahre 1937 bis 1943 in Stuttgart

Am 25.August 1937 um 12 Uhr erblickte ich in der städtischen Frauenklinik Stuttgart, Bismarckstraße 3 das Licht der Welt. Erinnerungen daran habe ich keine mehr! Meine Eltern wohnten damals in der Paulusstraße 3. Mein Vater betrieb in der Lautenschlager Straße 3 einen Autohandel mit Werkstatt. Meine Mutter machte die Büroarbeiten. Sie hatten tagsüber wenig Zeit für mich, deshalb war ich wochentags bei meiner Oma Schneider in der Scheffelstraße 29. 1939 wurde mein Vater zur Wehrmacht eingezogen, während meine Mutter den Autohandel so gut sie konnte weiterführte. Tante Margarete Eschelbach, die jüngere Schwester meiner Mutter, wohnte im Haus gegenüber und ging mit mir spazieren. 1940 oder 1941 waren wir einmal auf der Botnanger Steige unterwegs, weil Tante Margarete wusste, dass der Zeppelin kommt. Auf dem Steg standen schon etliche Leute, die Ausschau hielten. Plötzlich tauchte er am Hasenbergturm, der damals noch stand, auf und schwebte über uns hinweg. Dieses einmalige Ereignis werde ich nie vergessen. Als ich drei Jahre alt war durfte ich in den Paul Gerhard Kindergarten, der in zwei Gruppen geteilt war, geführt von Tante Else und Tante Frieda der ich zugeteilt wurde. Auch meine Mutter ging schon zu ihr ins „Schule“. Sie war eine sehr nette und für uns Kinder eine sehr alte Dame, während Tante Else noch jung war. Tante Else heiratete 1943 und zog in die Schweiz. Nur weil ihr Mann Schweizer war, war das damals möglich. Zum Abschied winkte der ganze Kindergarten vom Bahndamm aus am „Schliff“ und Tante Else winkte aus dem Zugfenster. Danach sahen wir sie nicht mehr.

Meine Eltern wohnten nach Ihrer Hochzeit in der Paulusstraße zur Miete, weil sie keinem ihrer Mieter in ihren Häusern kündigen wollten. Die Kriegsjahre bis Ende 1943 in der Paulusstraße werde ich nie vergessen. Das Haus hatte nur einen ebenerdigen Keller. Bei den Luftangriffen in der Nacht konnte man jeden Schuss der Flack und das Heulen der Bomben hören. Einer der ersten Nachtangriffe traf die Rötestraße, die ganz in unserer Nähe war. Bei der ersten Welle warfen die Flieger Brandbomben ab und als die Bewohner zum Löschen oder zur Rettung ihrer Habseligkeiten aus den Kellern kamen folgte die zweite Welle, die dann Sprengbomben warf, die unter der Zivilbevölkerung viele Todesopfer forderte. Als wir nach dem Angriff aus dem Keller durften sah ich zum ersten Mal Häuser brennen und Leute, die weinend und schreiend umherliefen, Angehörige suchten oder zu retten versuchten was von ihrer Habe noch übrig war. Viel war es bei den Meisten nicht. So etwas kann man einfach nicht vergessen. Meine Mutter sagte immer wir brauchten nicht in den Keller zu gehen, weil unsere Wohnung ebenso sicher sei, aber der Luftschutzwart holte uns doch in den Keller.

Die Nachtangriffe wurden immer schlimmer und uns wurde ein anderer tieferer Keller in der ????? Straße ca. 400 m von unserer Wohnung entfernt zugewiesen, weil es in unserem Keller zu gefährlich war. Beim Voralarm sprang man aus dem Bett, zog sich schnell an und rannte los. Die Kleider ordnete man abends schön auf einen Stuhl, damit man beim Anziehen ja keine Zeit verlor. Meine Mutter musste auch noch meinen kleinen Bruder anziehen. Der Koffer, auch mein Kleiner, mit dem Nötigsten, war immer gepackt. Dann rannten wir los. Mutter mit dem Bruder auf dem Arm, den Koffer in der Hand und ich mit meinem Köfferchen nebenher. Oft kam der Hauptalarm schon während wir noch unterwegs waren, dann schoss die Flak und des Öfteren fielen auch Bomben. Im Keller angekommen wies der Luftschutzwart jedem seinen Platz zu. Einmal gab es einen Knall, viel lauter als sonst. Kurz darauf kam der Luftschutzwart in den Keller zurückgerannt und holte uns alle nach oben: die Flak hatte einen feindlichen Flieger erwischt. Oben angekommen sahen wir einen riesigen roten Feuerball von Heslach her über Stuttgart-West Richtung Feuerbachertal fliegen, wo er abstürzte. So viel ich weiß, überlebte niemand von der Besatzung. Einige Tage später konnte man die Absturzstelle besichtigen. Als wir auch dort waren, gab mir jemand ein Stück Panzerglas von der Flugzeugkanzel als Souvenir.

In Großenhub wurde ich eingeschult. Zuvor immer nur für kurze Zeit: in die heutige Friedensschule in Stuttgart, dann in Haag in Oberbayern in eine von Nonnen geführte Schule. Aber durch den mehrmaligen Wechsel kam ich erst mit 7 Jahren in die 1. Klasse. Es war eine typisch ländliche Schule: es gab eine Unterstufe für Klasse 1 bis 4, und eine Oberstufe für Klasse 5 bis 8. Mädchen und Buben waren immer zusammen. Die Schule war in Wäldershub, etwas mehr als ein Kilometer Fußmarsch entfernt, übers freie Feld. Man traf sich immer am Ortsausgang und ging dann gemeinsam zur Schule. In den Jahren 1944/45 wurden wir mehrfach von Tieffliegern angeflogen. Wir merkten bald, dass die, die einen weißen Stern (Amerikaner) hatten, zuerst schauten, was sich unten bewegt. Sahen sie, dass es Schulkinder waren, schossen sie nicht. Oft kamen sie zurück, flogen über uns weg und wackelten dabei mit dem Flugzeug. Es sollte wahrscheinlich eine Entschuldigung sein. Anders war es bei den „Rotschwänzen“ (Franzosen). Sie hatten keine Landesflaggen am Flugzeug, sondern eine rote Schnauze und einen roten Schwanz. Von diesen wurden wir mehrmals beschossen, nicht nur auf dem Schulweg, sondern auch wenn wir auf dem Feld arbeiteten. Sahen wir Rotschwänze, gingen wir sofort in Deckung.

Zuerst wohnten wir bei der Familie Schmid, dann zogen wir zu Familie Binder. Dort hatten wir zuerst eine Küche und ein Zimmer zu dritt. Später war es nur noch ein Zimmer in dem wir schliefen und kochten. Der Herd war auch die Heizung. Die Winter waren sehr kalt, oft fror nachts das Wasser im Eimer ein. Auch die Fenster waren dick vereist, wir konnten nur ein Guckloch ins Eis machen, indem wir den Daumen solange auf das Eis legten, bis es wegtaute. An der Zimmerdecke bildete sich durch den Kochdampf ebenfalls Eis. Die eisige Zeit dauerte von November bis März. Es war auch schwierig Holz zum Heizen zu bekommen. Im Sommer gingen wir in den Wald und sammelten Holz und Fichtenküh (Tannenzapfen) für den Winter. Auch Heidelbeeren, Brombeeren und Himbeeren sammelten wir. Wenn unsere Mutter noch Zucker bekam, was schwierig war, kochte sie Gsälz als Wintervorrat. Damals lernte ich auch das Pilze sammeln, es gab ja in den Wäldern sehr viele. Einmal sammelten wir frische Tannenspitzen, von denen unsere Mutter Tannensirup kochte. Er soll sehr gesund gewesen sein! Auf jeden Fall schmeckte er gut. Aber beim Sammeln durften wir uns nicht erwischen lassen. Frau Hinninger, ihr Sohn Karl und unsere Mutter gingen manche Nacht zum Baumfällen, wenn sie irgendwo eine kleinere dürre Tanne entdeckt hatten. Die Arbeit musste bis zum Morgen fertig sein, denn das Holz war rar und die Bauern durften nichts davon erfahren. Selbst im Staatsforst war Vorsicht geboten.

Das Kriegsende in Großenhub und Crailsheim
Im April 1945 kamen die Amerikaner aus Richtung Nürnberg immer näher an Crailsheim heran. Wir erfuhren das durch Wehrmachtsoldaten, die auf dem Rückzug in Großenhub ein paar mal übernachteten. Auch den näherkommenden Atelleriedonner konnte man hören. Einmal kam ein kleiner Trupp Wehrmachtsoldaten, die kurz zuvor von Tieffliegern beschossen wurden. Sie hatten einige Pferde dabei, von denen zwei Schuss Verletzungen hatten und deshalb notgeschlachtet wurden. Die Truppe hatte auch eine Feldküche dabei aber der Koch durfte kein Feuer machen wegen der Tiefflieger. Also gab es rohe Fleischküchle vom Pferd. Ich habe damals zum ersten Mal Pferdefleisch gegessen. Wir Kinder hielten uns immer in der Nähe der Soldaten auf, denn wir hatten ja keine Schule mehr. Unserer Mutter gefiel das nicht so, denn es bestand immer die Gefahr, dass die Soldaten von Tieffliegern beschossen wurden. Anfang April kamen dann nur noch 2 oder 3 Mann, zum Teil ohne Waffen. Sie wollten nur noch nach Hause. Sie berichteten, dass der Amerikaner vor Crailsheim stand. Am 6.April 1945 wurde Crailsheim zum l. Mal zum Teil besetzt. Am 8. April begann der Gegenangriff hauptsächlich durch SS Einheiten und Infanterie. Am 10. April zogen die US Panzer ab. Crailsheim wechselte bis zu der Nacht vom 20. auf den 21.April 1945 mindestens noch einmal den Besitzer. Die Amerikaner drangen immer bis zu Jagstbrücke vor, die dann am 20. April gesprengt wurde. In der Nacht zum 21. April wurde Crailsheim endgültig besetzt. Von Großenhub aus konnten wir die Fliegerangriffe, die meisten waren am Tag, wie im Kino beobachten. Auch Luftkämpfe konnten wir sehen, in Crailsheim war ja ein Militärflughafen. Der Bahnhof war für die Deutschen ein wichtiger Knotenpunkt, deshalb wurde er von amerikanischen Fliegern total zerstört. Soweit ich mich erinnern kann war Crailsheims Innenstadt durch Luft- und Bodenangriffe zu 90 Prozent zerstört. Einmal stieg während eines Tagesangriffs vom Flugplatz ein großer Rauchpilz auf. Unsere Mutter holte uns schnell von der Strasse, denn sie war der Meinung der Amerikaner habe eine Atombombe abgeworfen. Zum Glück hatten sie nur das Treibstofflager des Flugplatzes getroffen. Der 20. April 1945 war ein Freitag.

Einmarsch April 1945

In der Nacht vom 20. zum 21. April 1945 gegen 2 Uhr kam in Großenhub der Rest einer abgekämpften SS Einheit aus Crailsheim an. Wir im Hause Binder merkten davon nichts, denn das Haus lag ca. 100 m außerhalb des Ortes. Als unsere Mutter gegen 9 Uhr aus dem Fenster schaute, sah sie am Rand des Mottenholz - Wäldchens, ca. 1 km nordöstlich von Großenhub, einen Panzer fahren. Wir hatten einen freien Blick über die Felder bis dorthin, da wir im 1. Stock wohnten. Gegen 9 Uhr 30 gingen wir zur Familie Munsinger Milch holen; mein Bruder musste bei Familie Binder zu Hause bleiben. Auf halbem Weg trafen wir einen SS Sturmbandführer, dem sie von dem gesichteten Panzer erzählte. Er antwortete: „Liebe Frau, Sie können wahrscheinlich einen Panzer nicht von einem Kinderwagen unterscheiden, wir haben gestern die Amerikaner aus Crailsheim hinausgeworfen" und ging weiter. Auf dem Rückweg ca. 30 Minuten später, hörten wir Schüsse. Mutter leerte die Milch aus und hielt mir den Topf über den Kopf. Dann rannten wir nach Hause. Auf Höhe der heutigen Gaststätte Rose trafen wir den SS Mann wieder. Sie sagte nur:" jetzt schießen sogar Kinderwagen." Danach kamen wir ohne Milch aber auch ohne Schaden nach Hause. Als sie die Tür aufschloss, hörten wir meinen Bruder weinen. Sie schickte mich in den Keller und ging nach oben um ihn zu holen. Das Haus stand da schon unter Beschuss. Herr Binder, der damals schon schwer krank war, ließ später die Gewehreinschüsse zählen. Es waren 63 Stück! Bei Familie Binder war ein russischer Kriegsgefangener namens Iwan, dem wir sehr viel verdanken. Er verbarrikadierte die Kellerfenster so gut er konnte. Trotzdem drangen ein paar Schüsse bis in den Keller ein. Es war sehr eng. Iwan ging immer wieder nach oben um nachzuschauen was los war. Er hängte auch die weißen Leintücher zum Fenster hinaus. Als gegen 10 Uhr 30 die Schiesserei aufhörte, ging Iwan mit der weißen Flagge vors Haus. Kurz danach kam er wieder die Kellertreppe herab, hinter ihm 2 oder 3 Amerikaner mit Tarnkappen. Sie hielten Iwan eine Maschinenpistole ins Genick. Iwan sagte immer nur: „Nix SS". Sie durchsuchten den Keller mit Iwan als Schutzschild, aber zum Glück war kein SS Soldat in Binder's Haus. Im Ort war das anders, dort wurde auch geschossen.

Der erwähnte amerikanischer Panzer, der vom Mottenholz über die Felder, zwischen den Häusern Binder und Kohler (Gasthaus Rose) auf die Dorfstrasse fuhr, hielt auf Höhe der Gaststätte Rose unter dem großen Kastanienbaum an. Im Haus Kohler waren SS Soldaten, die eine Panzerfaust auf den Panzer feuerten. Zum Glück trafen sie nur einen Holzpavillon vor dem Gasthaus Rose. Dieser flog in die Luft und blieb im Kastanienbaum hängen. Der Panzer fuhr daraufhin zurück, kam aber einige Zeit später in Begleitung von Infantrie zurück. Dann wurde ganz ordentlich geschossen auch aus dem Haus Gaukler, wo ein Amerikaner am Arm verletzt wurde. Am Haus Scharfenecker sind heute noch die Einschüsse zu sehen.(siehe Foto). Bei den Kämpfen im Ort kamen zwei SS Leute ums Leben. Da die wenigsten Häuser fließendes Wasser hatten wurden die SS Soldaten bei der Morgentoilette, am Brunnen vor dem Haus überrascht und flüchteten teils in Unterwäsche, teils mit Rasierschaum im Gesicht. Ein amerikanischer Offizier berichtete später, dass, wäre der Panzer getroffen worden, er Order hatte, sich zurückzuziehen und Luftwaffe anzufordern. Zum Glück kam es nicht so weit, denn die Keller in Großenhub waren alles andere als sicher. Im Haus Binder kam gegen 14LJhr ein Amerikaner die Kellertreppe herunter. Er forderte unsere Mutter auf mit nach oben zu kommen. Sie sagte, dass sie nur mit ihren Kinder nach oben gehe, und so kamen wir relativ früh aus dem Keller. Die anderen mussten noch bis gegen 17 Uhr unten bleiben. Oben wurden wir Kinder in Binders Küche gesetzt und Mutter musste Hühner braten, die die Soldaten gefangen hatten. Meinem Bruder und mir schmeckte es auch, nur Mutter versuchte nichts davon. Sie hat nie Geflügel gegessen.

Mai 1945 bis Oktober 1948 in Großenhub

Nach dem Einmarsch der Amerikaner in Großenhub hatten wir noch ca. 2 Monate keinen Unterricht, denn die Amerikaner hatten die Schule in Wäldershub besetzt. Als wir dann wieder zur Schule gehen konnten, hatten wir sehr viel Lehrerwechsel: Herr Passmann, Frau Weber, Herr Huber und noch viele andere, die zum Teil nur Hilfslehrer waren. Die alten Lehrer durften nach dem Einmarsch nicht mehr unterrichten. Zuerst musste ihr Verhältnis zur „Partei“ überprüft werden. Unsere Hausaufgaben waren oft: Heidelbeeren, Brombeeren usw. zu sammeln, auch Pfefferminze, Schlüsselblumen- und Gänseblümchenblüten für Tee. Dann wurden von den Kartoffeläckern noch Kartoffelkäfer und Larven abgesammelt. Ende 1946 oder Anfang 1947 bekamen wir unseren ersten „richtigen“ Lehrer, Herr Hager, bei dem wir dann richtigen Schulunterricht hatten. Im Herbst hütete ich nachmittags Kühe. Dafür bekam ich abends ein Vesper und öfters auch noch für meine Mutter und meinen Bruder etwas mit nach Hause. Oder wir gingen mit Familie Hinninger in den Wald um Fichtenküh (Tannenzapfen) als Heizmaterial für den kalten Winter zu sammeln.

Meine Mutter musste ab und zu nach Stuttgart fahren. Meinen kleinen Bruder nahm sie mit und ich durfte bei Familie Kohler bleiben. Diese Fahrten waren nicht immer einfach, denn viele Brücken waren zerstört. Der Bus der nach Crailsheim fuhr war ein alter Postwagen und sehr eng. Als ich einmal mitfahren durfte, war für den Zug Endstation in Bad Cannstatt, weil die Neckarbrücken zerstört waren. Es gab nur eine Notbrücke bei der Wilhelma. Bad Cannstatt war amerikanisch besetzt und Stuttgart französisch, der Neckar war die Grenze. Als wir an den Neckar kamen, sah meine Mutter wie farbige US-Soldaten Koffer von Passanten durchwühlt und zum Teil ausgeleert haben. Sie entschloss sich dann mit mir durch den Neckar zu gehen, der sehr wenig Wasser hatte. Das war im Sommer 1945.

Auch mit meinem Onkel R. Koch aus Schmiden, der eine Gemüsegärtnerei hatte und einen kleinen Lieferwagen, fuhren wir ein paarmal mit. Er kam immer im Frühjahr, denn er tauschte mit den Bauern Gemüsesetzlinge gegen Lebensmittel. Eine Fahrt blieb mir bis heute in Erinnerung: Mein Onkel hatte ein lebendes Schwein schwarz eingetauscht gegen Gemüsesetzlinge. Es wurde auf der Ladefläche gut verstaut (oder doch nicht so gut). Als er in einer Ortschaft scharf bremste, fielt das Schwein herunter. Nachdem wir es bemerkt hatten, kehrten wir um und sahen ein paar Bauern um das Schwein versammelt auf der Straße stehen. Nach einem kurzen Gespräch halfen sie beim Aufladen, ohne die Polizei zu verständigen! Die Fahrt ging weiter und wurde noch interessanter.

Die Brücken über die Flüsse Jagst, Kocher und Murr waren gesprengt, man musste durch Furten fahren. Ich glaube es war im Kocher, als das Auto mitten im Fluss stecken blieb. Alle Versuche das Auto wieder flott zu bekommen waren vergeblich. Endlich kam ein farbiger US-Soldat mit einem Jeep. Mein Onkel und meine Mutter unterhielten sich mit ihm sozusagen mit Händen und Füßen. Es stellte sich heraus, dass er nach Fellbach unterwegs war. Nachdem mein Onkel ihm erklärt hatte, dass er hupen oder blinken würde, falls etwas nicht in Ordnung wäre, hängte er unser Auto an und los ging’s in einem Tempo, dass wir Angst bekamen. Mein Onkel versuchte zu hupen und zu blinken aber es ging nicht, weil die Elektrik durch das Stehen im Wasser ausgefallen war. Er trat also so auf die Bremse, dass sie rauchte. Aber der Jeep war einfach stärker. Trotz allem sind wir gut in Schmiden gelandet, wenn wir auch sehr bleich waren.
Der Sommer 1947 war trocken und heiß. Ich hatte 2 oder 3 Stallhasen und es war schwierig Futter zu finden, da die Wiesen und Äcker sehr stark ausgedörrt waren. Nur auf den Äckern fand ich noch ein paar Ackerwinden und ich musste lange suchen bis ich genügend Futter zusammen hatte. Von Familie Kohler bekam ich manchmal etwas Heu wenn ich nicht genügend gefunden hatte. Die Trockenheit hielt bis in den September hinein an. An den Tag an dem die Trockenheit zu Ende ging erinnere ich mich sehr gut. Gegen Abend zog ein starkes Gewitter auf. Es wurde stockdunkel, Blitze zuckten am laufenden Band und der Donner grollte. Ich hielt mir die Ohren zu und zitterte vor lauter Angst. Als das Gewitter abzog war es nacht und wir konnten sehen , dass es rings herum brannte. 5 Feuer zählten wir. In Großenhub selbst schlug der Blitz zum Glück nirgends ein.
Im Oktober 1948 konnten wir endlich nach Stuttgart zurück. Meine Großeltern Schneider hatten uns ein Zimmer in ihrer 3 Zimmerwohnung in der Scheffelstrasse zur Verfügung gestellt.




Peter Zimmer

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