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Braunes Hemd für einen kleinen Stuttgarter.

Eingestellt von

Götz Peter Holderegger

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Ort

Färberstraße 11, Stuttgart

Zeitzeugenbericht

1932-1938

Die alte Dame mit dem Kinderwagen erschrak, als sie der Unrasierte ohne Hemdkragen brutal anfuhr: "Ersäufen sollte man deinen kleinen Nazi-Bastard".

Sie schob den Kinderwagen mit dem Objekt antifaschistischer Mordlust schnell weiter. Der Sprecher und sein Kumpan, der beifällig nickte, standen vor der Wirtschaft 'Zum Haberkasten' auf der Stuttgarter Hauptstätter Straße.

Es war im Winter 1932. Der 'Haberkasten' war Stammlokal der Kommunisten in der Stuttgarter Altstadt. Es war die Zeit, als die politischen Meinungen in Deutschland hart aufeinander prallten. Zu den herben Folgen des großen Krieges 1914-1918 kamen jetzt die Auswirkungen einer weltweiten Wirtschaftskrise.
Zur nationalen Not gesellte sich die persönliche Not
Millionen Arbeitsloser. Die Rezepte politischer Pragmatiker
halfen ebenso wenig, wie die wirklichkeitsfernen Sprüche der Extremisten. Markige Marschmusik spielte an gegen schwärmerische Schalmeienklänge. Nur wer genau hinhörte, vernahm dazwischen die Flötentöne der Rattenfänger. Doch der Hunger hatte die Menschen taub gemacht. Das Elend im Haus trieb die Männer auf die Straße. Dort wurde politisiert, demonstriert, terrorisiert. Mangels besserer Argumente in den Köpfen, suchten die Kontrahenten die Entscheidung lieber an den Köpfen. Indem siesich diese gegenseitig blutig klopften.

So war es nicht verwunderlich, dass die Großmutter, die
mit ihrem erst ein halbes Jahr alten Enkel zu den Anlagen beim Schloss unterwegs war, die Angst packte. Waren doch die Eltern des kleinen Burschen, der den Zorn der beiden gestandenen Rotfrontkämpfer erregt hatte, im ganzen Viertel bekannte Nationalsozialisten. Sie hatten eine kleine Gaststätte. Und diese wiederum war die Stammkneipe der Nazis. Neben dem Eingang zur Gaststätte prangte sogar ein weißes Emailschild mit einem großen Hakenkreuz und dem Hinweis: „Hier verkehrt derNationalsozialist!“

Ein paar Jahre später gab's keine Kommunisten mehr. Die Nazis hatten 1933 die Macht übernommen und das Motto ihrer Erzfeinde, der Kommunisten: 'Willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich Dir den Schädel ein'. Das Signal zum großen Morden war gegeben. Bloß vernommen hat es keiner. Denn die Menschen waren jetzt sogar für laute Töne taub geworden.

'Hitler gab den Leuten das Gefühl, dass das Schlechte gut
war', sollte fünfzig Jahre später die Historikerin Gitta Sereny
feststellen. Dieser Satz ist Antwort auf die später gestellte
und immer wieder gestellte Frage, wie es dieser Mensch geschafft habe, ein ganzes Volk zu täuschen. Und nicht nur sein Volk. Erstaunlich trotzdem, denn lange vor seiner 'Machtergreifung' bekannte er selber eindeutig genug: 'Die Gewinnung der Seele eines Volkes kann nur gelingen, wenn man neben der Führung des positiven Kampfes für die eigenen Ziele den Gegner dieser Ziele vernichtet (Mein Kampf, Kap.12)'.

Den Gegner vernichten!

Eindeutig genug, bloß hat's kaum einer gelesen. Denen aber, diees gelesen hatten, die warnten, glaubte man nicht, man hörte sie nicht, weil die, die am lautesten gegen Hitler brüllten, das gleiche vorhatten, nur eben unter der roten Fahne des Weltkommunismus.

Zwölf Jahre sollte der braune Spuk dauern. Als er vorbei
war, als alles vernichtet war, hatten es alle gewusst, war's
keiner gewesen. O, wie leicht ist es doch das Richtige vom
Falschen, das Gute vom Bösen zu trennen - in der Retrospektive.

Damals aber antichambrierten die Großen der Welt in der Reichskanzlei, schloss der Papst mit dem Beelzebub ein Konkordat. Paradierten französiche Olympioniken mit dem Hitlergruß. Charmierte der englische Königssohn mit dem Teppichbeißer. Trug preußischer Kaiserspross das Hemd der braunen Garde du Corps. Ließen sich honorige Offiziere das Schinkel 'sche Ehrenkreuz vom ehemaligen Gefreiten umhängen, den Marschallstab vom ehrlosen Mordbrenner verleihen. Die einfachen Menschen aber,
die mit erhobenen Händen die Straßen säumten, die roten Flaggenmit dem hakigen Schandmal grüßend, hofften nur auf bessereZeiten.

"Es schau’ n aufs Hakenkreuz mit Hoffnung schon Millionen" wurde nationalsozialistischer Appendix zum Deutschlandlied. Auch die Eltern des Buben, dem Rotfront schon im zartesten Alter einen fürchterlichen Tod im Wasser angedroht hatte, gehörten zu den hoffnungsvollen Hakenkreuzguckern. Nicht nur der Vater trug die Hitler 'sche Kluft, auch der Stammhalter durfte jetzt in einer speziell für seinen kleinen Körper geschneiderten SA-Uniform hinter den braunen Kolonnen her durch die Stuttgarter Straßen marschieren und jedem die erhobene rechte Hand
entgegenstrecken. Alles war maßgerecht verkleinert. Mütze, Braunhemd, Lederkoppel mit Schulterriemen und die knallrote Armbinde mit dem schwarzen Hakenkreuz im runden weißen Feld. Die Großen fanden das niedlich und so gefiel 's auch dem Kleinen.

Eines Tages kam hoher Besuch nach Stuttgart. Im Elternhaus des Buben herrschte Aufregung. Braune Hemden wurden gebügelt. Das große für den Vater, das kleine für den Sohn. Lederzeug wurde gewienert. Fahnen wurden aus den Fenstern gehängt. Die Gaststätte blieb geschlossen.

Die ganze Familie stand schon Stunden vorher an der
fahnengeschmückten Eberhardstraße, durch die Rudolf Hess, der Stellvertreter des 'Führers', in einem großen, offenen Mercedeswagen fahren sollte.

Die Familie war nicht allein. Tausende und aber Tausende von begeisterten 'Volksgenossen', wie die Bürger jetzt hießen, waren gekommen, den Mann im schlichten Braunhemd zu bejubeln: "Heil. Heil. Heil."

Heil erhofften sie mit ihrem Gebrüll. Unheil erwartete
sie. Doch damals wussten dies weder die versammelten Volksgenossen noch die Eltern des kleinen Buben, der selbstverständlich in vorderster Linie stehen durfte, als der Mann mit den dichten dunklen Augenbrauen in seinem blitzblanken Cabriolet vorbeifuhr. Stramm stand der kleine Mann in seiner braunen Uniform am Straßenrand, noch vor dem Kordon schwarzkostümierter SS-Kameraden, und grüßte den großen Mann in seiner braunen Uniform. Beide grüßten mit hochgerecktem Arm und ausgestreckter Hand. Dann sagte der große Mann ein paar Worte zu seinem
Chauffeur und der schöne schwarze Mercedes hielt an. Der große Nazi stieg aus und ging auf den kleinen Nazi zu, hob ihn hoch und trug ihn in sein schönes Auto. Der Wagen fuhr weiter und fortan grüßten die beiden Braunhemden die Stuttgarter Volksgenossen gemeinsam.

Noch Tage später sprachen Fremde und Nachbarn den Knirps an: "Gell, du bisch der, wo mit'em Hess hat mitfahre dirfa".Ach, war er dann stolz.

Das bedeutendste Ereignis in der Erinnerung des Buben aber war der Tag als er den 'Führer' sehen durfte. Zusammen mit vielen vielen tausend Stuttgartern und vielen tausend Menschen, die aus dem ganzen Land extra angereist waren, standen die nationalsozialistischen Eltern mit ihrem nationalsozialistischen Sohn stundenlang vor dem Hotel, in dem er abgestiegen war. Sprechchöre bildeten sich: "Wir wollen unseren Führer sehen! Wir wollen unseren Führer sehen!"
Und die Menschen warteten und warteten. Immer wieder skandierten sie:
"Wir wollen unseren Führer sehen!"

'Unseren Führer’, riefen die Leute. Auch im Elternhaus desJungen sprach man nicht einfach vom 'Führer'. Es hieß stets'unser' Führer. Wie 'unsere' Oma.

Die Menschen riefen und riefen, doch der größte aller
Deutschen ließ auf sich warten. Jeder hatte Verständnis. Der 'Führer' hatte gewiss weit wichtigeres zu tun, als zum Fenster hinaus zu gucken. Letztendlich wurde die Geduld der Massen belohnt.
Der Führer unterbrach seine wichtigen Regierungsgeschäfte und trat auf den Balkon an der Ecke des Hauses, den bekannten Gruß entbietend: Mit dem abgewinkelten rechten Arm, die Handfläche zurück gebogen, fast horizontal zum Himmel zeigend. Wie ein Kellner, der ein großes Tablett mit Biergläsern tragen muss.

"Heil, heil, heil". Es nahm kein Ende, das Heil. Bis der
unheilige Mann mit dem Chaplinbärtchen den Balkon wieder verließ, um auf die Bühne der Weltpolitik zurückzutreten.

Die Stuttgarter jubelten. Sie wussten ja nicht, dass des großen 'Führers'Weltpolitik sehr bald ihre schöne Stadt in Schutt und Asche verwandeln sollte.


Götz Peter Holderegger.
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Nachwort:
Es war meine Großmutter, die mit mir im Kinderwagen zu den „Anlagen“ unterwegs war. Die damals für Ihre Rostbraten bekannte Sophie Holderegger, Seniorchefin der einstigen Gaststätte Plieninger Hof in der ehemaligen Färberstraße. Ihren Erzählungen verdanke ich die wesentlichen Teile der obigen Erinnerungen. Einige bruchstückhafte Bilder sind bei mir selber haften geblieben.

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