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Kriegsende und Neubeginn in Stuttgart

Eingestellt von

Jerry A. Brainard
Jerry A. Brainard
am 16.09.2008



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Ort

Marienstraße (Hotel Ketterer), 70178 Stuttgart

Dieser Bericht ist folgendem Album zugewiesen:


Zeitzeugenbericht

Mein Vater kam 1945 mit der 100th Division über Frankreich mit den kämpfenden Truppen nach Stuttgart.
Meine Mutter war Kriegerwitwe (Ehe mit Schulfreund 1942, vermisst in Russland seit 1944) und arbeitete als Dolmetscherin bei den Besatzungsmächten.

Mein Vater, Alfred Brainard, organisierte zusammen mit seinem Freund den Betrieb zweier unzerstörter Hotels für die Offiziere der US-Armee; sein Freund das Hotel Zeppelin er selbst das Hotel Ketterer.

Vor einigen Jahren, kurz nach der Wende, nahm ich zusammen mit meiner Frau an einer Busfahrt nach Dresden und Ostdeutschland teil. Auf dieser Busfahrt kam meine Frau mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der am Schluß wissen wollte, wie seine angeregte Gesprächspartnerin denn heißen würde.
Auf die Antwort meiner Frau "Das ist ein schwieriger, nichtdeutscher Name, ich buchstabiere mal Brainard.." - entgegnete er: "Den Namen kenne ich. Da war ein Amerikaner nach dem Krieg, dem ich sehr viel zu verdanken habe. Er hieß Alfred Brainard und hat das "Ketterer" geführt. Ist der mit euch verwandt? Lebt er noch? Ich wollte ihm immer danken und konnte ihn nicht ausfindig machen."

Er erzählte:"Ich war bei Kriegsende knapp 17 Jahre alt, groß und dünn und sehr schwach, da ich grade eine TBC überstanden hatte. Um mehr zu essen zu bekommen, brauchte ich eigene Lebensmittelmarken. Das Arbeitsamt meinte es gut mit mir und gab mir den Rat, es bei den Amerikanern zu versuchen, die würden grade einen Liftboy suchen.
Ich sollte mich dort einem gewissen Sgt. Brainard vorstellen, der würde das Ganze dort organisieren.
Als ich mich am ersten Arbeitstag dort einfand, musterte mich der Sergeant und meinte, ob ich denn heute schon gefrühstückt hätte.
Welche Frage an einen Deutschen im Jahr 1945! Ich sagte natürlich ja - und wurde gebeten, mich zu setzen. Dann bekam ich das erste amerikanische Frühstück meines Lebens! Weißbrot, Eier und ein grosses Glas Milch, später dann auch den ersten Orangensaft meines Lebens. Dein Vater "fütterte" mich während meiner Beschäftigungszeit im Hotel Ketterer wieder auf fast "Normalgewicht"; ich weiss nicht, was sonst geworden wäre."

Friedrich Wöhr, um ihn handelt es sich bei dem ehemaligen Liftboy, hatte bis heute ein Empfehlungsschreiben aufgehoben, mit dem es ihm u. a. möglich war, ein Visum für die USA zu bekommen und dort zu studieren. Er wurde später Ingenieur bei der Firma Bosch.

So haben wir ein erstes Puzzleteil zu meiner Familien-geschichte erhalten, die durch den frühen Tod meiner Eltern noch ziemlich unerforscht war.
Nun konnten wir uns auch erklären, weshalb sich im Nachlass meines Vaters ein englisch sprachiger Prospekt des Ketterers befand.

Das Empfehlungsschreiben haben wir als Erinnerung an meinen 1952 verstorbenen Vater geschenkt bekommen und befindet sich in unserem Besitz.

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Kommentare

von Waltraud Beck, am 30.04.2009 18:38 Uhr

Lieber Herr Brainard,

das ist eine sehr schöne Geschichte, sie hat mich sehr gerührt. Wenn ich mal wieder zufällig im Ketter esse, werde ich bestimmt an sie denken.
Herzliche -Grüße
Waltraud Beck



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