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Sonnenfinsternis unter den Wolken: Ein elementares Erlebnis

Eingestellt von

Joachim Vögele
Joachim Vögele
am 15.09.2008



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Ort

Schlossplatz, 70173 Stuttgart

Zeitzeugenbericht

Mich hat die Sonnenfinsternis 1999 schwer beeindruckt - von wegen "größter Reinfall". Gerade dass sich die Sonne hinter dem wolkenverhangenen, bleischweren Himmel versteckte, machte die Atmosphäre umso elektrisierender. Ich fühlte mich wie in einem Raumschiff, das auf ein unsichtbares, unbekanntes Ziel zurast: irgendetwas würde geschehen, aber es gab keinen Hinweis auf das Kommende. Nur die Zeiger der Uhr tickten dem Moment entgegen, an dem sich der Mond vor die Sonne schieben würde. Schloss- und Schillerplatz waren gepackt von Menschen, ein gewaltiges Stimmegewirr erfüllte die Luft.

Und dann, mit einem Mal, wurde es dunkel. Als drehte jemand am Dimmer des Lichtschalters versank die Stadt mitten am Tag in eine unheimliche Düsternis. Die Gespräche verstummten, alle hielten die Luft an, selbst die Vögel schienen gespannt innezuhalten. Ein kollektives Schweigen breitete sich über dem Schlossplatz aus. Es war, als tauche unsere Erde in einen Tunnel ein - fast war man versucht, sich irgendwo festzuhalten, weil man ein Rütteln erwartete. Ein kühler Wind kam auf, wie ein Fahrtwind. Die Luft kühlte sich merklich ab. Dieses Abtauchen hatte etwas kollosal Apokalyptisches, mir wurde bewusst, welchen machtvollen Eindruck solche Ereignisse in früheren Zeiten auf die Menschen gehabt haben mussten. Und ich bin mir sicher, dass auch die Menschen auf dem Schlossplatz eine Ahnung von der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge da draußen, der Bewegung des Universums, ergriff. Schweigend standen sie da und blickten in den grauen, dunklen Himmel. Und als die Wolken sich eine halbe Minute später wieder aufhellten, die Konturen wieder schärfer und klarer wurden, da brach ein spontaner Jubel aus der Masse. Die Menschen applaudierten und johlten, fast so, als seien sie gerade einem großen drohenden Unheil entkommen.

Dieser Bericht interessiert 4 Chronisten



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